Haut an Haut


Roman

Verlag Gatza
Berlin 1993

Textauszug

Presse
























Man müßte also sagen, daß der Mensch so im Angesicht des Menschen keine andere Wahl hat als zu sprechen oder zu töten.
(Maurice Blanchot)


HAUT AN HAUT

Sommer

Alles war schmutziger geworden in der Stadt, die Menschen wehrten sich kaum. Denn die Bewohner wollten sich bewegen, fort, auf vier Rädern mit mindestens einem Motor. Sie akzeptierten den Gestank, das Gift, den Schaden und kümmerten sich nicht um das Nachher. Und atemlos forderten sie ein neues Maß von Umwelt, Meinungen lagen in Mappen gesammelt, man strahlte Proteste aus im Fernsehen. Denn die Lampen der Meßgeräte leuchteten, blau und gelb, rot zeigte die Gefahr von Überschreitung, Blei in der Luft. Und die Körper wurden weit, quollen aus Rändern und Rahmen, stiegen hinaus über die Grenzen der Kleider, um sich zu sättigen in der Gier eines Sommers, der alle ins Freie hinaustrieb, und auf Dächern und um Tische saßen sie geschart.
Die Menschen winkten mit Geld und konnten den Kellner mit nach Hause nehmen zum Schluß, als Beute. Er zierte sich, bediente die Damen, schenkte ihnen ein, vom besten, schnitt Filets vor, die Frauen lachten, stießen die Gläser klingend an, rotes Fett der Lippenstifte verklebte ihre Zähne. Noch waren die Brüste gebunden und in Leder geschnürt, eine Rolle Bauch. Sie schüttelten goldene Gelenke, und der Kellner nahm die Schürze ab, endlich nach dem Essen. Leerte die Kübel, packte eine Frau an der Hand, und sie verließen den Ort, wo andere blieben, weiterhin beengt in ihrem Kleid aus Luft und Geld. Die Schüsseln klirrten, auf den Tellern war aufgetragen für den Abend, die Nacht, der Hitze ein Tribut, und dem Vergnügen der Reichen, die lebten, für den Gebrauch von Geld. Sie konnten alles kaufen und fanden keinen Weg, um ihre Körper zu vernehmen, deren Räume zu verstehen. Übergaben das Haar dem Fahrtwind eines Wagens, überließen die Augen dunklen Gläsern. Die blonden Locken der Frau wehten in die Nacht hinaus, und sie verdeckte ihre Beine mit Stiefeln aus Gold. So kühl, so heiß und leichtes Leder um die Hüften gespannt, am Rücksitz das Telefon, gefälliges Zeigen von Zähnen, weiß gemacht, und die Luft. Also legte - ob sie fuhren, rannten oder wanderten - der Schmutz der Stadt sich ihnen an die Kehle und sie verstummten. Kein Zwitschern. Die Hand des Mannes fiel schwer auf das nackte Knie der Frau, ein gehöriger Fang, staubig in der Nacht, trieben sie weiter.
Dann gingen sie nach Hause, und aus den Fenstern würde Röcheln dringen, von weiteren Männern und Frauen.

Woanders aber, wo Einheimische sich während des Tags zur Erholung aufhielten, lagerten die Zigeuner im Park. Gemacht aus Staub wie die Bewohner, gleich und doch nicht gleich; denn die Einwohner rochen gut, besser, waren seßhaft in sauberem Gewand. Dennoch kamen die bunter Gekleideten mit erdigen Sohlen und wurden getrieben an die Ränder der Stadt, und die Farben der Fremden sammelten sich am Kanal. Sie ließen sich dort nieder, wo sich Verkehrswege kreuzten: Bahnen von Menschen und Maschinen; dazwischen fanden sie ihr Wesen mit Musik, kauten das wenige, was ihnen geblieben. Die Zigeuner organisierten sich schnell, der Rinnstein war ihr Büro. Sie hockten an Kieswegen, ein paar zerknüllte Geldscheine vor ihnen, und spielten mit Knöpfen, Münzen ihr Spiel im Staub. Tauschten das Geld, der eine nahm dem anderen den Gewinn und gab ihn zur Not zurück , wenn keine Zeit blieb zu einem weiteren Spiel. Sie hielten zusammen, erinnerten sich nicht an die Heimat, denn jeder Boden war ihr Haus, und in jedem Land, das sie hereinließ, waren sie flüchtig, da sie andere waren, unterwegs. Überall, wohin sie kamen, warf man ihnen den Bruch von Gesetzen vor, Raub, Hehlerei, falsche Karten, und daß sie anderen den Platz fortnähmen, wo sie doch saßen zwischen Müll und Gestank, wo keiner sitzen mochte, keiner der Bürger des Wohlstands, der Zuschauer und Besitzer von Autos und Geld. Die Fahrenden machten sich im Park breit im Staub, um dem Tode in einem anderen Land zu entgehen. Und die Stadt erkannte sie nicht an, den Einwohnern waren sie Feinde.


Nana wollte durch den Park, auf einem Spaziergang sonntags, zufällig in jene Gegend verschlagen. Staub vermengte sich mit Gras, verschmutzter Luft in den Nasen von Spaziergängern, deren Glieder schwerer wurden. Nana fühlte sich verfolgt von Abgasen, die die Menschen vor ihr an diesem Ort abgelassen und verdrängt hatten, all der Dreck, in die Luft geschossen, schädliche Stoffe. all der Dreck, in die Luft geschossen, schädliche Stoffe. Einheimische, Besucher und Bleibende, die Lebenden allesamt waren bedrängt, durch das Gift in der Luft. Nana sank ins Gras, konnte nicht weiter, und saß in der Nähe der Zigeuner, die schenkten ihr kaum einen Blick.
Der Körper der Frau war halbrund geformt, mit kräftig-eckiger Bewegung, weicher in den Hüften, wenn sie entspannt ging auf der Straße nach einem langen Marsch, einer freudigen Begegnung. Meist war sie allein zwischen Menschen mit Kindern und Hunden. Querte die Bahnen der sich vorwärts Schiebenden, streifte das Treiben türkischer Familien, die überall ihren Platz fanden, weil sie fern der Heimat waren.
Nanas Haar war ordnungsgemäß kurz, einen quadratischen Ausschnitt des Gesichts preisgebend, schräge Augen, Backenknochen scharf, helle Haut, einen Mund mit vollen Lippen, leicht trotzig aufgeworfen. Schön und nicht schön, denn ihre Nase empfand sie als zu groß, Störgerät, welches sie manchmal ausschloß aus der Welt des Genehmen, je nachdem wie streng man die Regeln des Schönen nahm. Sie hatte große Hände mit langen Fingern, eine Stimme, die gebrochen durch Schüchternheit ihren Weg aus der Tiefe fand und lauter wurde, je mehr sie sich vergaß und das Denken zurückwich jenseits der Kontrolle. Dann packte sie fest zu, sonst war sie oft still neben den anderen, welche das Darstellen beherrschten.
Unbeobachtet sang sie gerne vor sich hin, dachte sich fantastische Worte aus, Namen für unbekannte Bewohner, so wie als Kind, wo sie mit den Brüdern Welt gespielt hatte und Radio; zerrissene Teile, Gehörtes, Stückwerk griffen sie damals auf. Sie übten, wollten wichtig sein, Personen auf Bühnen, Schallplatten, in Zeitschriften und im Fernsehprogramm, jemand, von dem man mit Bewunderung sprach.Nun verwandelte sie die Stücke aus den Liedern nur mehr für sich allein, ohne Hoffen auf die Zukunft, nicht mehr heimlich hinter der Türe die Entdeckung erwartend, das Wirklichwerden eines Traums, den Nana damals mit allen teilte:den Brüdern, der Freundin und dem Feind. Damit war es nun vorbei. Eine Aufgabe, selbstbestimmt, ein Studium stand am Ende ihres Weges. Und während Nana lernte und lernte, glaubte sie da fest an ihre andere, neue Chance.


Nein, er war nicht sicher, nicht wirklich bereit sich den Menschen oder einer Frau zu nähern. Johann machte sich da nichts vor, träumte stets vom Immergleichen, trieb durch die Straßen über Stunden, hielt plötzlich an, setzte sich auf eine Bank. Vor ihm auf der Promenade eine Vitrine aus Glas, dahinter eine künstliche Wiese. Der leuchtende Behälter blendete ihn, da drinnen waren Schuhe ausgestellt, Sandalen für den Sommer, und Passanten wogten dran vorbei. Er war erschöpft, der Hals kratzte, Pollen füllten seine Nase. Und atmete schwer, während er seinen Pfad ohne festes Ziel durch die Stadt verfolgte.
Kaum wurde es hell, schlug er sich mit den Bettdecken herum, erwartete den Tag, während Vögel lärmten. Morgens schon haßte er den grauenerregenden Ruf der Elstern, die sich ständig vermehrten, und meist konnte er sich nicht erinnern, was er gewesen war im Traum. Johann schleppte an sich. Nach den Erlebnissen mit Drogen, dem Versuch sich von den Regeln der Älteren zu lösen, setzte das Selbstverständliche der Gesundheit aus. Der Körper war aufgebracht, durcheinander. Johann atmete schwer und er verlor die Verbindung zu dem, was vorher gewesen war, wenn er aufstand morgens. Die Unordnung seiner Schritte, die Fantasien des Geschlechts, und Banalitäten überhaupt störten ihn. Das Innere seines Körpers erschien ihm schlaff und lau, ohne Bezug zu dem, was er im Kopf trug, es gab keine Verbindung zwischen seinen Gedanken und seinem blonden Haar und dem düsteren Schauen. Jedes Teil für sich und gegen ihn in der Krankheit, die seinen Mund verzog und zu einer Sprache zwang, die er sonst kaum gebrauchte. Ein Seufzen, Stöhnen, Schreien brach zwischen seinen Zähnen hervor, und er verkrampfte die Hand, ans Geschlecht gepreßt, ein Muskel zitterte an seinem Bein, und der Magen bäumte sich auf. Ein solcher Anfall konnte dauern und störte ihn auf, in seinem Denken bezüglich einer Welt, welche frei sein sollte von Auswüchsen, Schlechtigkeit. Er schwindelte sich hoch in eine bessere Welt, während er von innen her zerrann, seine Substanz sich auflöste, er vergaß zu essen, wurde dünner. Sein Wunsch zurückzukehren, in das was einmal war, ins Kindsein, zur verlorenen Freundin, dieses ältere Vertrauen versperrte ihm an jedem Tag den Weg. Wohin sollte er gehen?
Hier auf der Straße plötzlich, fiel es ihm ein, da war eine Wand, grünes Papier, das Bild eines Palastes öffnete das Tor in eine andere Zeit, und er schritt hindurch, blickte in die Vergangenheit der Bäume.
Sofort hielt Johann das Erinnerte fest in seinem Heft. Deshalb war er unterwegs, um zu sehen, um die Stadt und ihre Bewohner unter seinem Blick zu verwandeln. Er spürte verborgene Orte auf, Müllhalden, verlassene Fabriken, verfallende Häuser und verlor sich auf Spielplätzen, Baustellen voll verklumptem Sand. Er arbeitete am Entwirren der Fäden, die die Menschen miteinander verbanden, zog an ihren Enden, fand sich selbst darin verwickelt und schrieb voll Zorn: "Wir gehen einzeln und haben einander nichts zu sagen, als das, wo wir sind im Moment. Ich unterhalte mich am besten mit mir selbst." Auch Johann war Student und lebte mit seinen Büchern in einem einzigen Raum.


Enger waren sie geworden die Räume, so kam es mir vor nach der Rückkehr aus dem Ausland, und eigentlich war es auch keine Rückkehr. Denn die Bekannten waren entweder gealtert oder aufgebrochen in einen anderen Teil der Stadt, andere Strecken hielten sie nun gefangen und die Freundinnen und Frauen vernahmen einen anderen Ton. Kurzfristig war ich bei einem befreundeten Paar untergekommen, im Abstellraum, und schrak morgens auf, als Männer das schwarze Dach begingen, es frisch teerten, während sie Brücken aus Sprüchen schlugen, was meinen Halbschlaf bedrängte, männliches Getriebe von Laut- und Bessersein. Sie rissen die alten Platten vom Dach und klebten neues trübes Schwarz vor meine Aussicht. Die Hosen der Männer waren unten weit, gehalten oben mit Reißverschluß, der ihr Geschlecht umrahmte, welches ihnen das Recht gab, herumzustaksen, die Hände zu gebrauchen, Lärm zu sein.
Trotzdem, dachte ich, solltest du froh sein, daß die Männer hier meist stillhalten und nicht wie im Süden durch die Strassen streichen, ständig auf der Lauer. Hier bist du diejenige, die schaut.
Und ich träumte mich dennoch zurück, die schönsten Teile der Erinnerung wählend. Setzte Sonne gegen Regen, baute Trübheit ab in einem Gedanken an das südliche Licht, und roch fast Gras mit geschlossenen Augen und das Meer. Ich fühlte meine Knie naßwerden im Gehen gegen Wellen, und faulendes Obst lag neben meiner Nase fast, doch nur im Traum.
Denn in Wirklichkeit war die Umgebung gereinigt klar, ein geschliffener, lackierter Boden im Wohnzimmer, die geschüttelte weiße Decke auf dem Bett, ein gelüfteter Arbeitsraum, Stahlteile, Tischchen aus Glas, weiß gestrichene Stühle. Alles gereinigt in der Wohnung, die mir nicht gehörte, und hinter meinen Lidern schlug ein Messer gegen den Hals eines Tieres, dessen Körper sich verzog unter dem festen Griff des Schlächtrs. Der Kopf fiel, Blut floß aus der Schnittstelle und verklebte rasch, da es heiß war, auch unter dem Dach des Marktes. Daneben wurden Federn gerupft, ich hatte gewählt und ging, das Fleisch zu bereiten. Das war neben dem Meer, damals, in meiner Stadt.
Und nun, wiederangelangt am Ort von wo ich ausgezogen war vor ein paar Jahren, wollte ich nicht recht wahrhaben, was um mich herum geschah, die Regeln erschienen mir fremd.
Wenn ich mich weiterhin treiben ließe, in die dunkle Höhle des Nicht mehr-Wissens und des Noch-Nicht-Tuns, würde ich bald nicht mehr erkannt sein von dieser früher vertrauten Umgebung. Zu verschwommener Wahrnehmung war hier nicht der richtige Ort, es wäre gefährlich in der Großstadt. Man mußte sich wiedererinnern, doch noch mißtraute ich der Warnung. Denn es schien mir, daß nicht nur ich, sondern alle das Bewußtsein hier verloren, je mehr sie sich hielten an den Vorsatz des Verstands. Die Bewohner der Stadt meinten, vereint und einig zu sein, und dennoch fuhr ein Mann durch die Straßen mit seiner Fahne und war allein. Verrückt vor Freude stieß er gegen andere, Autos, Fußgänger, Fremde mit seinem einzelnen heftigen Drang.
Es war heiß, überall, wo Menschen aufeinandertrafen, voll Geruch nach Schmieröl, ausgetrockneten und verblichenen Farben. Es gab keinen Sand, kein Wasser in Bewegung, der Sommer war ein Gang durch karge menschliche Bauten, Grau herrschte vor.
Im Klee eines Parks, in meinem Sonnenkleid liegend, spürte ich dann die Erschütterung des Bodens, auf dem alles stand. Die U-Bahn fuhr unter meinem Bauch und ich konnte beginnen mit meiner Arbeit, die Stadt zu verstehen. Ein Gestrüpp aus Medien, Verkehr und Information, das nicht nur wild hochschoß wie das Gras, sondern sich verband an vielfachen Stellen. Und die Wiese war bloß gestülpt über den riesigen Untergrund eines Ortes, der alles enthielt, was man so brauchte und noch viel mehr, und das war das Problem. Ich döste in der Sonne weiter und dachte an die Leute, die ich gekannt hatte hier, einer nach dem anderen tauchte vor mir auf.


Vor ein paar Jahren, das Karussel der Liebe, die Pferdchen, welche trieben im immer selben Rund, bunte Tiere, Männer und Frauen, die sich drehten, aufeinanderzuliefen, schien es, doch blieb der Abstand zwischen ihnen immer gleich. Die Zügel aus Leder, die Reste von Kindheit, und um den Kopf flogen eine Menge von Ideen. Wind fuhr zwischen Beine, bewegte Haare, Schnauze und Schwanz, manchmal. Und die Pferde packten die Leinen mit den Zähnen, riefen sich zu: "Komm, lauf mit mir, blicke nicht auf schwere Lasten, den Sattel, geschnürte Riemen, blicke in mein Gesicht! Du wirst leicht!" Und sie wieherten, lachten und liefen davon. Auf der geschwinderen Scheibe verflüchtigte sich später der Eindruck, man hätte jemand gesehen, ein Gegenüber, eine Gefährtin. Und die Pferde blieben trotzdem festgemacht und glaubten, daß sie liefen und winkten, aus freiem Antrieb. Und wechselten und neckten sich, lernten Worte zu verstehen unter dem Dach einer Stadt, die ihr Daheim war.
Gemessen kontrolliert und starr, mit aufgemaltem Lächeln, so kam Nana sich jetzt manchmal vor, wenn sie an diese Existenz dachte, wie an ein anderes Leben. Bücher waren der Anlaß gewesen, Bestätigung zu finden im großen Wissenssystem, das ihr aber auch Beschränkungen vorgab, so wie es sich organisierte. Und ihr Gesicht war das eines Pferdes gewesen, auf dem Karussel. Eingezeichnet die Regeln des Verhaltens, so wurden sie alle gezähmt und eingezwängt in Kleidung, Mimik, Gesten: so wurde man gesetzt, lachte im richtigen Moment und schlug zu dann, wenn es Beute gab, vor allem Beute für das Fleisch, ein kurzes Nachtvergnügen. Nachdem Nana die weitestmögliche Entfernung zu den Narben der Herkunft gewählt hatte, ließ sie sich auf das Geschehen der gröseren Stadt ein, bestieg diesen Körper, der weiter reichte als sie selbst und in andere hinein, den Körper der Stadt, welcher Wechsel war und Mode, eine andere Tradition, welche der Zeit gefiel und schneller verlief und verwehte.
Sie mußte durch die Stadt und die Stadt drang in sie ein, sie stieg in die U-Bahn und das Schauspiel begann: Denn die U-Bahn war immer die Zeitung, die Schrift der Mode, die sagte, was lief: Kennzeichen von Richtungen, Farben, Kennzeichen des wechselnden Gebrauchs: Sag doch, sind wir heute freundlich oder morgen wild, traurig in einem Monat oder voller Blumen, tragen wir Muster auf dem Hemd? Wie setzen wir die Kappen auf, welche Form hat unser Mund, und die Lippen, haben welchen Rand? Sag doch, zeig mir, ich sehe und mache alles nach, ernste Gesichter, Masken, und so werde ich gesehen.
Nana buchstabierte: Woher die Leute kamen und was sie kauften, welche Marke sie trugen und welche Schicht von Duft. Und sie selbst wurde Mode, da sie lernte im richtigen Moment das Passende zu sehen. Eine Jacke war die Erinnerung an leichte Orte, einen Film, war die Absicht, Teil zu sein eines Kreises, dessen Regeln geheim waren und doch nicht geheim, wie Zeichen auf der Haut. Und alle bestimmte die Frage, ob sie erkannt würden in ihrem Kleid.


Jann setzte sich in hohen Tönen fort. Seit er Kind war, hatte er geträumt von Millionen, gemacht aus Musik, aufmerksame Ohren, den Zuhörern und ihren Applaus. Wenn Jann sang, drang es heraus auf verlorenen Wegen und wenn er die Lippen zu fremden Liedern im Zimmer bewegte, allein, Hände auf den Saiten der Gitarre, und drehte, drehte sich im Stand laut zur Musik, die aus den Boxen strömte. Ließ sich fallen, samt Instrument, sprang auf, schlenkerte mit den Beinen und verlor sich. Vor dem Verstärker war er ohne Anfang ewig, und andere Sänger schrieben ihm ins Hirn. Jann glaubte dran. Auch er würde der Wichtigste sein, morgen wie damals im Kreise der Frauen, für die er sang: Schlager, Stücke aus den alten Operetten. Jann drehte sich wie seine Platten, rund, ruderte heftig mit den Armen, Ellenbögen, getrieben vom Motor, des Plattenspielers, setzte den Finger steil auf eine Scheibe, hielt sie kurz an, ließ die Platte laufen, fühlte sich in Rillen, löste den Stromkreis, unterbrach, schaltete sich wieder ein und war so endlich für sich Meister. Er würde einen Sprung tun, hinaufsteigen, sich einreihen als Vorbild für andere, den Bruch durch die Wand der Beschränkungen wagen, doch dann hörte er das Klingeln an der Türe.
Wer drang hier in seine Musik und störte den Versuch? Ein Nachbar war das Geräusch, beschwerte sich über den Lärm. "Das ist Musik, Idiot", schrie Jann ihm entgegen, "Hörst du, Musik", brüllte er. Und stumm drohte der Mann, ein blöder Student, mit "Du weißt schon", einer letzten Lösung, Polizei. Das war kein Weg, also wurde Jann still, seufzte, ging hinein, schloß die Tür, drehte zurück, eine Lautstärke, an die Johann sich hoffentlich gewöhnte. Der hörte Klassik, wußte Jann aus wenigen Gesprächen und schüttelte den Kopf. Und kletterte dann aufs Dach. Jann wohnte gleich darunter. Besah die Tauben, noch halb auf der Leiter stehend blickte er hinaus. Da war die Stadt, der Regen, gesprenkelter Kot der Vögel über dem Teer, das war sein Boden, mit Blick auf den Himmel, doch die Tauben erhoben sich kaum. Zu fett, zu träge. Jann kroch hinein, zurück in seine Wohnung und begann das alte Lied.
Er konnte es auswendig, schon als Kind, aus dem Radio. Man wünschte und es wurde gesendet, eine Rührung für die Gefühle alter Frauen, die sich in ihren Küchen niederließen neben den runden Knöpfen, dem braunen Holz, den leuchtend grünen Zeichen der Stationen für besseren Empfang. "Am Tag, als der Regen kam" und "Ich werde warten". Jann hatte gesungen und sie hatten ihn geliebt, zwischen ihre Brüste gedrückt, an blumenübersäte Schürzen. Das alte Lied. Es war seins, für immer. Er tat einen Zug aus der Flasche, der Zigarette, wie besserer Atem strömte ihr Rauch in ihn und er setzte an mit scharfer Kehle, Alkohol brannte heiß in seinem Mund. Und drückte die Töne, wrang sie aus, Teile von Worten, Äther, Betäubung, ein Seufzer und ein kräftiger Schluck und ein Rülpsen danach, das Ende. Sein Mikrophon fiel aufs Bett, ruhte sanft, und schnell liefen Finger über Rillen. Jann trank vor dem Altar der Regler und Knöpfe eines Geräts, das ihn verstärkte und verdrängte. Und jeder Ton, den er erzeugte, löschte Janns Umgebung aus.


Da, wo sie sich trafen, herrschte Hitze, wo sie stattfanden, jeder für sich allein, jeder schwebend, eine Blase, im Sommer. Nana stieg am nächsten Tag die Stufen der Bibliothek hinauf, gesenkten Blicks, mit nackten Beinen, las sich ein, verschob das Blatt Papier, auf dem sie schrieb, in Richtung Sonne, ihre Gedanken trieben hinaus hinaus und sie faßte sich wieder im Buch, Konzentration. Und in der Pause ging sie in den Garten der Bibliothek, gab sich dem Licht hin, ließ mit hochgezogenem Rock und freien Schultern ihre Haut an die Sonne. Und dann sah Nana mit blinzelnden Augen einen Schatten sich nähern.
Sie war überrascht, als der Schatten zu ihr sprach. Er glaubte, sie von früher zu kennen, doch sie sah ihn kaum, immer noch geblendet vom Hellen, sich aber bewußt, daß Johann sie aufnahm in sein Schauen; er trug eine Brille gegen das grelle Licht. Nana fühlte sich nackt, bedeckte die Schultern, bedeutete ihm, nach drinnen zu gehen, in der Drehtüre tanzten noch die Flecken orange und röter vor ihren Augen, Nachbilder der Sonne. Sie begannen ein kurzes Gespräch im kühleren Raum.
Ja, sie fanden einen Ort, eine ungefähre Zeit, wo sie sich beide einmal aufgehalten hatten. Das war nun ihr Bezug, ein früheres Wahrnehmen, schnelles Vergessen und jetzt die neuerliche Begegnung.
Währenddessen begannen sich Nanas Augen an das veränderte Licht des Innenraumes zu gewöhnen, und sie sah Johanns Gesicht, ein leichtes Zucken um die Lider, während er schnell sprach. Sie betrachtete ihn nun genauer, da er versuchte, sich ihr zu nähern. Schweiß auf der Stirne, zählte er die Gründe seines Hierseins auf wie ein Gebet, doch sein Blick bedeutete anderes als das, wovon er sprach. Und stachelte Nanas Körper auf und sie dachte daran, schnell zu fliehen, während er am Zurückweichen des weiblichen Blicks einen harten Glanz wahrnahm, der ihn nicht einließ, soviel er auch aufwandte, um Nana zu sich hinzuziehen. Er saugte an ihrem Hals mit seinem Auge, roch das schwebende Begehren an einem Tropfen ihrer Achselhöhlen, der auf sein Hemd sprang mit ihrer heftigen Drehung in Richtung Bibliothek.
Sie sprach von sich und mußte fort, sagte sie, mit einem kleinen Versprechen im Winkel ihres Munds. So tauschten sie die Nummern aus und vielleicht, dachte sie, hätte sie Lust, irgendwann sich verehren oder sogar verführen zu lassen, doch nicht heute, und er fluchte über ihre Distanz, ließ sie ziehen. Nana las und notierte weiter in jenem kühlen Raum, unbemerkt, wie sie glaubte. Aber Johann war geblieben, nahm einen Platz unterhalb des ihren ein, um ihr zuzusehen.
Sie versank in Arbeit, aufgeladen noch durch die Spannung der Begegnung und verließ die Bibliothek kurz vor Schluß. Die Straße flimmerte im Staub. Nana fühlte sich erregt mit der Schichte von Hitze und Schweiß, die ihr über die Haut kroch und spürte den Stoff des Kleids fest an Brüsten und an den Oberschenkeln heiß. Schade, daß sie nun alleine war. Sie eilte zur U Bahn, als plötzlich ein Ruf ihr nachkam. "Hallo, hey! Warte!" Und als sie sich umwandte, sah sie Johann rennen mit fliegender Jacke, verrutschten Hosen, keuchend. Oh, angenehm, ahnte sie, er würde ihr ergeben sein, und nahm sich vor, beim Nein zu bleiben. Und er freute sich, daß sie bereit war, zu sprechen, neben ihm zu gehen. Und sie freute sich, daß er daran ging, ihren Körper zu berühren. Sie fühlte sich schön. Eingegliedert ins Paarwesen der Stadt. So waren die meisten eingespannt, denn der Trieb und die Hitze machte sie stark.


Obwohl es heiß war, einigten sie sich bald, Johann und Nana; sie gingen in ein Kino mit Ventilation und sahen einen Film über die Stadt, in der sie lebten.
Ein Skateboard schoß über den Gehsteig, rieb scharrend am Randstein, ein Junge, die Knie dick geschützt mit Plastik, lief ihm nach, hüpfte drauf, steuerte es der Wand entgegen. Das klackende Geräusch des Brettes auf Beton, vermischte sich mit Musik aus dem Rekorder, als er absprang, im richtigen Moment.
Und ein Mann mit schwarzer Haut und weißer Hemdbrust, einer Schürze vor dem Bauch, begrüßte seinen weißen Gast mit Küsschen auf die Wange. Die Frau hielt ihn am Arm, er lächelte, kurz, und ihre Stirnfransen flatterten im Hauch der Ventilation.
Pensionisten in Badeanzug und Haube schwammen, an den Schultern gefasst, spritzend hintereinander durchs Bad.
Und ein junges Mädchen, schwarz gekleidet mit gefärbtem Haar, den Ring in der Nase verkeilt, griff sinnend in knallrote Strähnen, harmlos, nichts ahnend, daß man sie filmte.
Ein Kind mit Schultasche in Leuchtfarben am Rücken überquerte eine stark befahrene Strasse, blickte sich um, kam durch und hüpfte erleichtert auf den Gehsteig.
Mehrere Menschen überquerten gedrängt eine Straße, es wurde Nacht.
Andere gingen in ein Cafe, es war dunkel, die Leuchtschrift des Eingangs warf Flecken auf ihre Kleider.
Plötzlich ein Busfahrer mittleren Alters, zwei Fahrradfahrer, die Avenue bei Nacht, blitzende Lämpchen und Embleme, der Turm als Wahrzeichen und hinter allem ein bestimmtes Lied.
Und Sänger tauchten auf, einer nach dem anderen sangen sie dasselbe Lied: Es ist die Stadt, die wir lieben, sangen die Frauen in Jacken aus Leder, blondierter Frisur und Fransen über der Stirn. Die Dunkle neigte ihren Kopf leicht, als sie sang, ins Mikrophon: Ich lieb' diese Stadt, sie sang mit Akzent. Und der Schwarze grinste und die Kappe rutschte, als er den Kopf schwang, wenn er sang: Ich lieb' diese Stadt und er sang mit Akzent. Und der Mann mit dem alten Hut und der alte Mann mit grauen Strähnen sang mit Inbrunst und sein milderer Ausdruck sagte: Ich lieb.
Und das Lächeln später, als die Kamera einen Engel überflog, der leuchtete auf einer Säule, bei Tag und bei Nacht, hell und bereit, denn die Stadt war schön, in diesem Lied.
Die Stadt war schön, so redeten sie sich ein, doch für die Liebe fehlte Zeit.
Später nachts, nach dem Film stiegen Nana und Johann aus der S-Bahn und irrten durch den Bahnhof, eine frühere Grenze, mit Bahnsteigen hinter Mauern verborgen, Durchgängen versperrt durch das Verbot. Schritte hallten in dem Bau, so, als seien die fortgeschafften Grenzanlagen Dämpfer gewesen für den Lärm, den Menschen sonst anschlagen, wenn sie zusammenkommen. Doch sie waren nie zusammen gewesen, die Stadtbewohner. Jener Bahnhof wurde selten angefahren, nur passiert von alten Leuten. Neutrales Fleisch, trugen sie den letzten Rest von Leben in Einkaufstaschen hin und her, wurden geschleust von West nach Ost, von Ost nach West. Sie mußten nicht lang warten, auf den Knopfdruck des Beamten entspannte sich ein Stromkreis, das Tor ging auf, die Alten konnten durch den engen Gang.
Hinter den Schritten des jungen Mannes und der jungen Frau hallte heute die Erinnerung. Sie kamen aus dem Bahnhof, an Häuserwänden verrotteten Reste von Überzeugung, Schriften bröckelten ab, rostige Parolen, Autos holperten über Pflastersteine. Monumente ragten auf, links und rechts von prächtig und breit angelegten Straßen. Noch zeigten die Schaufenster gähnend leere Höhlen, doch würden sie bald gefüllt mit Überschuß, Luxus, Käuflichkeit. Und zum Lohn für die Leute kam dann ein Spritzer Parfum, eine Jacke aus Pelz, kamen schwere Radkappen fürs Auto oder Füller aus Gold. So wußte es ihr Traum. Die Stadt war Übergang ins bessere Danach, ins einfachere Besorgen, eines Tages, ohne Mühen.
Es war dunkel und die beiden, Johann und Nana, wurden still, als sie um die Ecke bogen; ein Haus gestützt, eingerüstet, um nicht zu fallen, war ihr Ziel. Schattengestalten standen vor einem düsteren Eingang, dem "Tresor". Sie waren dunkel gekleidet, in Ketten, Leder und schwarzen Hemden, die Tür verhangen mit einem Tuch. Sie schlugen den Vorhang zurück, schlüpften hinein und es folgte ein unbeleuchteter Gang. Junge Leute gingen mit Decken, zusammengerollt unterm Arm. Ein Hof öffnete sich.
Man sah kaum seine Hand vor Augen. Nana wollte schnell durch, stolperte sofort, lief gegen ein paar Trümmer Eisen am Boden, sie fiel fast, das schmerzte, aber sie gewöhnte sich dann schnell an die Finsternis. Ein halber Mond beschien die Szene, betonte den Umriss eines alten Kühlschranks, hob mit seinem Leuchten ein paar zerrissene Sitzbänke hervor. Sie stiegen in die Trümmer von zwei abgerissenen Häusern. Alles lag brach hier, nachts. Nana konnte bald gefährliche von ungefährlicheren Teilen unterscheiden, bewegte sich langsam, vorsichtiger durch die Reste. Man hatte so gut wie nichts vom Abfall entfernt. Der unbrauchbare Hausrat alter Leute lag über den Hof verstreut. Und sie wühlten ein wenig im knietiefen Schutt, zogen da und dort an modernden Fotos, Wortfetzen auf zerrissenem Papier, verlorene Sprache, Bittgesuch, Kleiderbügel und Radioröhren. Eine Partitur vergangener Leben, auf der stiegen sie nun herum. Von weitem hörten sie Kommentare der anderen Besucher: "Echt gut, der Müll, klasse Stimmung, Scherben". Sie stiegen eine Treppe hinunter in den Keller, Welt unterm Staub, balancierten über schmale Bretterstege, vorbei an mit Stahlgittern verschlossenen Räumen, näherten sich ihrem Ziel, wo feuchte muffige Luft ihnen entgegenschlug. Die letzte Finsternis, Umrisse von Menschen, unscharfe Beleuchtung, Musik drang aus dem Bauch der Stadt und Nana stürzte sich tapfer ins Getriebe.
Die Bässe hämmerten, stützten die Worte der Sänger: "So müßt ihr es sehen. Wir tanzen, um zu überleben". Die Tanzenden stöhnten. Wiederholten den Refrain, entblößte Körperteile glänzten in dem wenigen Licht und Schweiß sammelte sich an glatten Mauern. Da sie einander nicht sahen, konnten sie alles tun. Schweiß tropfte von Lautsprechern und Wänden, tropfte auf die Köpfe, in die Haare derer, die sich wanden zur Musik. Schweiß rann in Strömen auf rutschigem Boden. Und sie tanzten schneller, bis sie stampften in kargem Licht, glitten im Feuchten, nicht mehr als Musik waren, die mit ihren Muskeln spielte, und ihren Körpern vorsprach: "Sei stark, sei schwarz, sei stark, sei schwarz!". Doch waren sie nicht schwarz, nur grau im Finstern und doch wollten sie es sein, weil es Mode war, oder wegen des Gefühls der Straße mit ihrem Kampf.
Sie gingen wieder nach Hause später, zu Fuß, es gab keine Bahn mehr. Das war ein Ausflug ins Sinken, ins System verdunkelter Gänge gewesen, doch waren sie klarer, sicherer dann, als sie hinauskamen in die obere Welt. Verdreckt und naß zwar, aber Nana lächelte und Johann nickte noch im Rhythmus der Musik, sie waren nun von anderer Seite her bestrahlt, von neuem, am Morgen in heller erscheinendem Licht.











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