Lissabonner Impressionen


Literarische Streifzüge

Artemis&Winkler
Düsseldorf 2005

Leseprobe





















 






Damals, als ich das erste Mal auf dem Weg dort hin war, hieß es: Freu dich, das ist fast wie Urlaub, Lektorin in Portugal, der Süden, eine neue Sprache, das Gesicht der Sonne, die Leichtigkeit. Und wirklich empfingen mich Ende Oktober warme Luft und Palmen, ein Licht, das ohne starke Sonnenbrillen schwindlig machte, sowie eine gewisse Trägheit, die über den Bewegungen der Menschen lag. Ein weiterer heftiger Eindruck war dann die Erfahrung der Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem: Verlassene Häuser ließ man stehen und baute ein modernes daneben. Die Trümmer eines eingefallenen Baus blieben liegen und niemand dachte daran sie zu entfernen. Als ich an der Universität eine meiner ersten Stunden hielt - es herrschte Campus-Atmosphäre, moderne flache Bauten, sie lag am Stadtrand, es dämmerte, blickte ich aus dem Fenster und sah ein Pferd einzeln über den Rasen gehen, sah ein Lagerfeuer, Roma, welche hier in diesem Zwischengebiet von Stadt und Natur Platz fanden. Von meiner Wohnung aus schaute ich aufs Meer, die vielfältigen Lichtspiele des riesigen Himmels, Containerschiffe, Frachtkähne und Segelboote, die über der weiten Wasserfläche kreuzten. Für mich war Portugal damals, von Mitteleuropa, aus einem intellektuellen Milieu kommend, ein Land des Vergessens, welches mich in eine wunderbar erleuchtete Enge trieb. Das Licht am Morgen, der Markt, ein weißes Segel und schon wollte ich nur mehr zusehen, wie die Vögel übers Wasser flogen. Die Weltabgewandtheit und Selbstgenügsamkeit des alten Portugals, so schädlich sie der Entwicklung des Landes vielleicht waren, konnten mich als Fremde durchaus faszinieren. Vor allem handelte es sich damals um ein anderes Verhältnis zur Zeit, das zu erlernen war, man brauchte paciência, Geduld, ohne die man in Portugal nichts erreichte. Und Warten und Hoffen verbanden sich im Portugiesischen zu einem Wort: esperar. Und während die berüchtigte Saudade das in der Vergangenheit Gebliebene beklagte, wurden in den durch die jahrzehntelange Diktatur entstandenen Zeitfalten verloren geglaubte Prozesse und ideologische Vorstellungen nahezu unversehrt aufbewahrt. Diese Zeitreisen und Zeitsprünge machten Lissabon so aufregend und abenteuerlich. Nichts Bestimmtes zu wollen, ein Aufgehobensein (oder -werden) im Geschehen, welches wir - Zeitsklaven - schon längst verloren hatten, waren so die beste Voraussetzung für den Fremden in Lissabon seine Tage zu verbringen. Doch diese Zeiten sollen sich ja ändern. In seiner Antrittsrede vom März 2005 betonte der in einen eleganten Armani-Anzug gekleidete Ministerpräsident der nunmehr sozialistischen Regierung Portugals, dass das Land weltoffen sein wolle. Dass es vorbei sein sollte mit der Abgeschlossenheit und dass man sich vor allem Europa zuwenden wolle. Von der Welt hatten die Portugiesen aufgrund ihrer Entdeckungs- und Expansionsbemühungen tatsächlich schon Jahrhunderte lang mehr gesehen als so manche anderen Europäer. Jetzt aber ist es höchste Zeit, das Image des Landes als eine von netten Menschen bevölkerte Enklave des Tourismus zu korrigieren. Die Probleme der Globalisierung sind endgültig auch in Portugal angekommen. Und vom glorreichen Eintritt in die europäische Union sind zurzeit nur die Mühen den von Europa gesetzten Kriterien nachkommen zu können spürbar. Weil der Weg in die Zukunft aber von den Resten aus der Vergangenheit gesäumt wird, beginnt er immer wieder mal von vorne. Das Nebeneinander von Kohlpflanzungen und Geldautomaten, von Eselskarren und Handys, von Brieftauben und elektronischen Alarmanlagen, von Hirten und Brokern, aber auch von sehr Armen und sehr Reichen ist Kennzeichen von sich rasant entwickelnden Grosstädten überhaupt. In diesem Sinne eines Scheiterns von allumfassenden Entwürfen ist Lissabon inzwischen eine Stadt der Zukunft.



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