Sehnsucht Manhattan


Literarische Streifzüge durch New York

Artemis&Winkler
Düsseldorf 2003

Taiwanesische Edition

Textauszug




MANHATTAN - DREAM AMERICA?

So wie New York oft mit Amerika gleichgesetzt wird, meint man meist nur Manhattan, wenn man New York sagt, und schließt die anderen vier Stadtteile aus. Diese Konzentration auf Manhattan lässt sich an unzähligen literarischen Beschreibungen New Yorks ablesen. Nichts ist häufiger, genauer und erschöpfender beschrieben worden als die V-förmige Insel, und je weiter man sich von diesem Zentrum entfernt, desto seltener, undeutlicher und beliebiger werden die Bilder, die man sich von der Stadt macht oder die Filme, Lieder, Romane, Fernsehen und Werbung Besuchern genauso wie den Bewohnern vermitteln.
Die tatsächliche Stadt ist daher von der fiktionalen kaum mehr zu trennen. Das wirkliche New York lebt mit dem erfundenen in Symbiose und wird so immer wieder neu bestimmt. Auch Schriftsteller tragen zu dieser fortgesetzten (Re-)Produktion bei; sie erhalten New York als Gewirr von Imaginationen am Leben, sie lesen und weben den Text der Stadt, obwohl sie im Gegenzug kaum von ihr wahrgenommen werden.
So kann man schon die erste Beschreibung der schönen, wildreichen Landschaft Manhattans durch den italienischen Reisenden Verrazano als Einladung zur Verwertung dieser Schätze interpretieren. Ein ambitionierter europäischer Besucher, Henry Hudson, erlegte hier bald darauf Biber, deren Felle er nach Holland verschiffte und damit für eine Kolonisierung warb. Mit Erfolg, denn eine Gruppe von Geschäftsmännern organisierte einen Siedlertrupp, der sich 1624 dort niederließ, um unter paradiesischen Bedingungen zu jagen und zu ernten. Die Küste war reich an Austern, Fischen und Hummern, das Land voller Wild, Truthähne, Tauben, Enten; Mais, Tabak, wilde Erdbeeren und Trauben wuchsen in Mengen. Einige Jahrzehnte später wurde bereits ein erstes Gedicht über die Insel, die die Indianer Manna-hatta nannten, geschrieben, das ebenfalls ihren fruchtbaren Reichtum besang. Doch den ersten New Yorkern ging es weniger um Literatur, als um rein kommerzielle Interessen; gegründet als Handelsstadt sollte die Ansiedlung davon bestimmt bleiben. Ihren endgültigen Namen erhielt die Stadt 1664 von der Grafschaft York, nachdem der britische Herzog das Territorium von seinem königlichen Bruder übernommen hatte. Es wurde zum Hauptumschlagplatz des amerikanischen Handels mit dem Mutterland und Europa.
Der Journalismus - die erste Zeitung, die New York Gazette, wurde 1725, also knapp hundert Jahre nach der Biberjagd Henry Hudsons, gedruckt - schuf dann die Bedingungen für eine literarische Tradition. Ein Mitarbeiter der New York Gazette, der Deutsche Peter Zenger, gründete kurz darauf seine eigene Zeitung, die es mit der Kritik an der britischen Kolonialregierung allerdings etwas übertrieb, sodass er im Gefängnis landete. Mithilfe seiner Anwälte, kam er wieder frei – ein Schritt in Richtung Rede- und Pressefreiheit.
Die ersten großen Dichter Amerikas, Herman Melville und Walt Whitman, wurden zu Beginn des 19. Jahrhundert, am selben Tag des Jahres 1819, geboren. Während für Whitman die Insel Mannahatta, wie er sie in seinem berühmten gleichnamigen Gedicht nennt, vor allem von positiven Elementen, seinen Einwanderern, den Straßen voller Leben, den Frauen, den Schiffen, den Händlern und Jahreszeiten, bestimmt ist, stellt die Stadt für Melville einen Ort der Desillusionierung, eine Endstation dar. Die Schriftsteller umreißen damit bereits einen Dualismus, der in der Beurteilung Manhattans und New Yorks immer wieder auftauchen wird: die Stadt als endlose Vielfalt menschlicher Typen und Aktivitäten und die Stadt als anonymes, abstoßendes, verheerendes System, ein Ort, der entweder überschwänglich gelobt oder in den Boden verdammt wird.
Der englische Schriftsteller Charles Dickens ist bei seinem Besuch vor allem vom Stadtlärm beeindruckt. Auch das ein Motiv, das sich fortsetzen wird, wie so viele andere mehr. So konzentriert sich etwa John Dos Passos in Manhattan Transfer, wo die harte Wirklichkeit die Menschen entweder in den Tod oder aus der Stadt treibt, besonders eindrücklich auf das Motiv des Scheiterns. Lärm, vor dem es kein Entrinnen gibt, sowie die Vorherrschaft des Ökonomischen - „in der Stadt brodelt das Geld“ - versetzen Salman Rushdies Protagonisten in die Wut des gleichnamigen Romans. Er bezeichnet New York als das „neue Rom“, dessen Geistlosigkeit seinen Fall verursachen wird, als „Dream-America“, das die Zivilisation in Fettsucht und Medien-Übersättigung ertränkt.
Die Schriftsteller und Künstler werden dabei angesichts verschärfter Überlebensbedingungen und Konzentration auf Kommerz immer mehr an den Rand gedrängt. Erst kürzlich wurde Gilbert Sorrentino, ein Dichter, der zur Zeit der Beat-Autoren groß geworden ist, von einem New Yorker Verlag mit der Aussage abgefertigt: „Leider wäre das einzige Verkaufsargument für dieses Buch, dass Herr Sorrentino ein guter Autor ist.“










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