Sabine Scholl

Die Geheimen Aufzeichnungen Marinas


Roman

BerlinVerlag
Berlin 2000

Textauszug

















 







ANFANG

Die Welt begann. Herr Zweiförmigkeit und Frau Widerstreit bildeten das erste Paar. Die Frau gebar vier Söhne: Rauchender Spiegel, Gefiederte Schlange, Südlicher Kolibri und Gemalte Glocke. Jeder übernahm einen Posten, von dem aus er alles überblicken und den Himmel an seinem Kopf befestigen konnte. Mit ihren Füßen schwammen die Brüder auf der Erde wie auf einem Krokodil.
Gefiederte Schlange und Rauchender Spiegel mußten aber vorerst die Erde und den Himmel voneinander trennen. Die Himmelerde lag wie ein fürchterliches Monster da und schnappte nach allen Seiten. Da verwandelten sich die Brüder in große Schlangen und gruben riesige Gänge in ihren Körper. Dann stemmten sie die eine Hälfte hoch. Das war der Himmel. Die andere Hälfte ließen sie liegen. Ihr Körper wurde die Oberfläche der Erde. Ihre Haare wurden die Blumen, die Bäume, das hohe Gras. Ihre Haut wurde das kurze Gras und die kurzen Blumen. Ihre Augen wurden die Brunnen und die Quellen. Ihr Mund, die Flüsse und großen Höhlen, ihre Nase die Täler und Berge. Nachdem sie so geformt worden war, begann die Erde nachts zu schreien. Sie wollte Menschenherzen verspeisen. Und sie würde sich nicht beruhigen, bis man ihr dieses Fleisch gab und sie würde keine Früchte hervorbringen, wenn sie nicht mit menschlichem Blut begossen würde. Und sie blieb die unersättliche, hungrige Erde.
Ich versuche eine Schrift zu entziffern, die die Zeichnungen auf dem Codex Mendoza begleitet. Ich zoome ein rotbraunes Kriegerkostüm, samt spitzer Haube und einen mit geometrischen Formen und Federn geschmückten Schild heran. Die alten Schriftzeichen sind verschlungen, ich klicke darauf und der spanische Text erscheint: In Times. Ich öffne das Fenster Übersetzung und vor meinem Auge auf dem Bildschirm schreibt eine unbekannte Hand die Zeichen, als würden sie das erste Mal entstehen: Kriegerkostüm mit Streifen, Goldschnallen, Goldschild und Goldene Nasenplatte, 200 Peseten wert. Tribut der Provinz Chalco. Ich klicke mich zur nächsten Seite. Lienzo de Tlaxcala. Über Malinches Kopf schwebt ein hölzerner Stuhl, besetzt von Cortés, eine lange Feder am Hut. Malinche zeigt mit dem Finger in Richtung der Geschenke, schön gewebte Tücher mit Schlangenmustern. Will sie ihrem Herrn die Technik und Beschaffenheit des Gewebes verdeutlichen? Ihm sagen, wieviele Tage es braucht, um die Fasern aus Agaven zu gewinnen, zu einem Faden zu spinnen und wo die Pflanzen wachsen, welche Farbe geben und wer die Kunst der Ornamente beherrscht? Malinche trägt einen Umhang über ihrem langen Kleid. Ich klicke darauf und hole mir den Stoff heran, so nahe bis ich einzelne Fäden erkennen kann. Ich klicke mich durch und eine Zeichnung erscheint, buntes Aquarell, die mir erklärt, daß Malinche barfuß geht, wenn sie vor dem Ersten Sprecher steht, wenn er Cortés begegnet. Wieder ist es eine Darstellung des Gegensatzes von Metall und Fleisch, Silber und Rot. Die Übersetzerin hält ihren Kopf gesenkt.
Ich stelle mir vor, wie Marina dann im Kleiderschrank nach einem alten Anzug von Curt sucht, und nach einem Hut. Wie sie sich verkleidet, die zu weiten Hosen mit einem Lederriemen über ihrer Mitte festschnürt, wie sie die Krempe des Hutes bearbeitet, bis ein Schatten fast die Hälfte ihres hellbraunen Gesichtes verdeckt, und der helle Stoff der Hosen fällt über ihre nackten Füße, an denen sie Sandalen trägt. Sie halftert sich den alten Rucksack über die Schultern, hat es eilig zu verschwinden. Stürzt hinaus in die dichte staubige Schwüle der Stadt. Die Luft dampft von Zuckerrohrschnaps, von Schweiß. Marina vernimmt ein Schmettern. Blasmusik biegt um die Ecke, zieht an ihr vorbei, spielt einen Marsch. Ein paar Leute laufen hintennach. Und drehen sich und tanzen. Sie schreien, manche halten Schnaps oder Wodkaflaschen in der Hand. Einige werfen mit Maismehl und Konfetti nach allen Seiten. Auch Marina trifft eine Handvoll hellgelber Staub. Sie muß husten, der Gehsteig ist bedeckt von Pulver und leeren und zerbrochenen Flaschen, bunten Papierstreifen, Getränkedosen und Plastikbechern. Sie versucht in Richtung Flughafen zu gelangen. Keiner kümmert sich um sie, wie sie gehofft hat, in ihrem Kostüm. Sie muß nur achtgeben, niemandem zu nahe zu kommen, um niemanden anzurempeln und in Händel zu geraten. Sie ist sichtbar genug, aber doch getarnt. Sie kann durch die Blicke der Tanzenden gehen. Sie erinnert sich an einen Streich von Rafa, der behauptet hatte, man müßte nur glauben, unsichtbar zu sein, dann glaubten die anderen es auch. Und er hatte ihr gezeigt, wie man den Leuten das Fleisch vom Teller stiehlt, ohne daß sie es bemerkten. Wie ein Hund, denkt Marina. Es wird langsam dunkel. Wenn sie den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen müßte, würde sie wahrscheinlich einen Tag lang gehen. Und einen Bus hat sie noch nicht gesehen. Sie erreicht einen großen Platz, auf dem ein beleuchteter Laufsteg aufgebaut worden ist. Er ist geschmückt mit Zeichen aus gefärbtem Cellophan, Figuren aus Seidenpapier, Papageien, Früchten, Blumen, Mandolinen, Herzen, Schmetterlingen, Masken. Sie trifft auf Verkleidete: Superman, Scheich, eine Ballerina, Clowns, ein Mann in Windeln, der Schnaps aus einer Babyflasche trinkt. Aber die meisten sind mehr ausgezogen als maskiert. Als müßten ihre Kleider, wie Ängste beseitigt werden, um tanzen zu können in der Nacht. Nur manche tragen eine Feder, eine Plastikblume, ein Stirnband. Marina trifft auf Betrunkene, einige liegen schon bewußtlos am Gehsteig. Sie kommt nicht gut voran. Der Platz füllt sich immer mehr, je schneller die Dunkelheit einfällt. Sie hält sich am Rand, wo Verkaufsstände aufgebaut sind, die Schnaps und Fruchtsaft anbieten, Bier, Zigaretten und Snacks: Maiskolben, Popcorn, Bonbons. Sie macht einen Bogen um die Erste-Hilfe-Station, in deren Nähe sie auch ein paar Polizisten erkennt. Sie möchte nicht gefragt werden, was sie hier tut. Den Laufsteg betreten nun Gruppen von fast nackten, nur mit Tangas bekleideten braunen Frauen, phantasierte Afrikaner und Indianer in unmöglichem Blech- und Plastikschmuck, Piraten, ein verkleideter Cortés, der sich Schnaps in einem Strahl aus einer Ziegenhaut in den Mund schießt und sein Gesicht benetzt. Marina dreht sich um, versucht nach der anderen Seite der Klammer der Menschenmenge zu entkommen, trifft auf Reihen von fülligen Frauen, weiß gekleidet, in zehn Röcken übereinander, mit Fruchtkörben auf ihren Köpfen, die sie während des Tanzes balancieren. Sie sieht Männer, die sich weiße Tücher, getränkt mit Äther und Parfüm vors Gesicht drücken. Immer stärker drängen sich die Menschen auf dem Platz und auf den Straßen. Marina kann nicht mehr verhindern, gestoßen zu sein und nimmt in einem Hauseingang den Sack vom Rücken, schnallt ihn von vorne an ihren Körper, zieht Curts Jacke darüber, versucht sie zu schließen. Und scheint nun wie ein schwangerer Mann in Sorge um seinen Bauch. Sie kommt an einer Bar vorbei, vor der einer kommandiert, als Polizist verkleidet. Ich stelle mir vor, wie Marina durch den Kopf geht, daß sich alles wiederholt, daß die von Mehl verklebten Gesichter der Tänzer wie die Indios sind in ihrem Film, und daß sie nun eine Stadtlandschaft durchquert, von der sie geglaubt hatte, daß sie nur in ihren Träumen und ihrer Vorstellung existiert. Ein Mann in geblümtem Hemd taucht vor ihr auf. Und sie erschrickt, will zurück, glaubt ihren Verfolger oder Zé zu erkennen in ihm. Er schleudert Konfetti über die Köpfe der Feiernden. Manchen reibt er die bunten Punkte ins Haar. Er kommt näher, Marina fürchtet, daß er ihr den Hut vom Kopf reißt, ihr langes, schwarzes Haar wird sich lösen und sie wäre erkannt. Die Frau vor Marina will sich gegen die Behandlung wehren, die ihr der Mann im Blumenhemd verpaßt im Namen der Freude. Doch er grinst die Schimpfende an, schüttelt den Kopf und sagt: Nicht wütend werden, nicht wütend, alles ist möglich. Lustig! Und dieser Moment genügt, da eine neue Gruppe von Tänzern herandrängt und ihn fortstößt aus der Sicht Marinas. Erleichtert versucht sie weiter, vorwärts zu kommen, an den glitzernden Kappen, Federhauben und mit Pailetten bestickten Kleidern vorbeizuschlüpfen, obwohl sie die Richtung nicht mehr so genau kennt. Als es Mitternacht schlägt, hört sie eine Frau neben sich, die sagt: Das Fest ist zuende. Ich gehe heim. Und es wird ruhiger bald danach. Doch eine weite Strecke liegt noch vor Marina. Sie kann nicht nachhause, aber sie hat einen Plan. Sie will zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Nach Chicago. Und dort wird sie sehen.
Über die Welt-Magie schlüpfte ich in mögliche Geschichten. Die Verbindungen ergaben sich schnell. Das Suchprogramm bestimmte meinen Weg. Und ich schreibe nur auf, wie mir geschah. Jemand spielte und bot ein paar Worte als Einsatz. Was wäre, hätte Cortés nicht gesiegt. Hätte seine Übersetzerin ihn ermordet, beseitigt, den Lauf der Eroberung umgekehrt? Würde alle die Sprachen Malinches verstehen? Zum Beispiel könnte ich sagen: Ihcuac tlalixpan tlaneci/ in mtzli momiquilia,/ citlalimeh ixmimiqueh/ in ilhuicac moxotlaltia./ Ompa huehca itzintlan tepetl/ popocatoc hoxacaltzin,/ ompa yetoc notlahzotzin, / noyolotzin, nocihuatzin. Und jeder würde wissen, was ich meine, hätte Malinche gesiegt.
Immer wieder trifft Marina auf versprengte Gruppen von Tänzern und Trinkern. Doch sie kann nun gehen, wohin sie will. Wird nicht mehr geschoben. Stelle ich mir vor.
Als ein Auto mit schreienden und singenden Menschen scharf an den Gehsteig fährt, auf dem sie marschiert, bekommt sie Angst, die Männer könnten ihre weibliche als Mann verkleidete Gestalt packen und ins Auto ziehen. Sie biegt von der Hauptstraße in eine kleine Gasse, um einen ruhigeren Weg zu finden. Doch plötzlich öffnet sich in dem schmalen Durchgang eine Tür und zwei Männer stürzen heraus, verwickelt in einen Streit. Und ein dritter hintennach, ein Messer in der Hand. Er stolpert und fällt halb auf Marina, ohne sie zu sehen. Er will sie nicht treffen, ist aber blind, aufmerksam bloß auf den Kampf der Männer. Und sie spürt einen Stoß gegen ihren Bauch. Doch der wirft sie nicht um. Nur der Mann rutscht, läßt den Griff des Messers, dessen Klinge nun im Bauch Marinas steckt, stelle ich mir vor, und sie läuft so schnell sie kann. Läuft und läuft und läuft, atemlos, bis sie eine Kirche erreicht, einen sicheren Ort oder das was sie als Kirchenschatten im Dunkeln erkennt, steigt durch ein Fenster ein und wirft sich zu Boden, verkriecht sich hinter dem Altar, stelle ich mir vor. Vorsichtig zieht sie das Messer heraus, öffnet ihre Jacke, schnallt den Rucksack von ihrem Bauch und betrachtet den Schaden, der ihr Glück gewesen ist. Ein sauberer Stich, die gut geschliffene Klinge hat eine schmale Kerbe ins Tagebuch Lilians geschnitten, dessen Einband fest genug war, um den Stoß zu lindern und zu verhindern, daß die Spitze bis an die Haut Marinas gedrungen war. Das Papier hat ihr Leben gerettet. Sie muß nun lachen, endlich.
Sie sitzt hinter dem Altar der Jungfrau, zwischen den blassen Preßspanseitenteilen erkennt sie den Umriß der Figur. Ein Dreieck beschreibt ihren Körper, das lange Kleid, und die Umrahmung von spitz-stacheligen Strahlen ist geschnitzt aus Holz. Mit einem Lächeln schläft Marina ein. Morgens fällt Licht durchs Fenster und durch die ins Holz getriebenen Streifen, den Strahlenkranz der Muttergottes und Marina auf die Augen. Sie erwacht gestreift. Jetzt kann sie gehen, stelle ich mir vor, fliegen, zurück.
Auf der Suche nach Stoff hatte ich mich ins Netz begeben und mit Luis aus São Zero unterhalten, der imaginäre Geographien sammelte, und mit Alberto aus Chicago hatte ich Erlebnisse erfundener Ethnologen ausgetauscht. Es war mein Spezialgebiet. Durch einen Umweg, einen Fehler oder ich weiß nicht mehr welche Verbindung, fand ich dann die geheimen Aufzeichnungen Marinas und über dieses Dokument drang ich zu den Geschichten Sepps, Lilians und Lenis. Keine Ahnung, wie die Berichte ins Netz gelangten. Doch einmal gelesen, interessierte mich ihr Fortgang. Was war aus Marina geworden? Wie sah nun ihre Zukunft aus? Ich begann mir einzubilden, ich wüßte davon. Das gefundenen Material druckte ich Seite für Seite aus. Denn diese Geschichte verlangte Überblick und den gewann ich nur auf dem Papier. Ich gehöre der Generation des Übergangs an. Die Videofilme habe ich leider nie gesehen. Sie zu übertragen, fehlte meiner Maschine die Kapazität. Ich, als Eingeborene der alten Welt habe eine ungenügende Vorstellung von Zukunft. Das was kommen wird, hebt sich kaum ab von der schon einmal vergangenen Welt. Von den Azteken habe ich das erste Mal gehört, als die Nordamerikaner den Mond betraten. Die Raumfahranzüge und Weltallflugmaschinen waren in den alten Steinzeichen der Azteken schon dargestellt, hatte ich gehört. Ich erinnerte mich an diese Zukunft, die man aus der Vergangenheit bezog, wenn ich an Marina dachte. Sogar die Zeitrechnung, der Kalender mit seiner Zweihundertsechzig-Tage-Einteilung, Dreizehn Zahlen, Zwanzig Tieren, wäre ein Geschenk von Morgen an die Einwohner der neuen Welt gewesen, hatte ich gehört, so daß sich diese anstrengten zu zivilisieren. Auf dem Höhepunkt ließen sie sich dann erobern. Daß Marina deshalb vom Süden wieder in den Norden fliegen muß, war ich mir sicher.
Marina erreicht endlich Chicago. Ihr fällt auf, daß man am Flughafen kaum mehr Englisch spricht. Und im Flugzeug hatte ein Sitznachbar die Textur ihres Anzuges bestaunt.
Ein wertvolles Stück, hatte er gemeint. Und ob sie es aus einem Museum erworben hätte, er zwinkerte leicht, das sei heute aufregender als die neuesten Entwicklungen der Industrie. Aber nur was die Kleidung betrifft, schränkte er ein.
Er selbst trug ein Hemd aus Weltraumfasern, wie er sagte, das aussah wie feine glänzende Plastikjute. Es schluckt Schweiß und läßt Luft an die Haut, hatte der Mann betont.
Ihren Rucksack fest gepackt, den Schnitt in der Jacke notdürftig mit ein paar Nadelstichen zusammengezogen, tritt Marina nach der langen Reise vor das Flughafengebäude und wartet auf den Bus. Im Nordwesten der Stadt befindet sich die Mission. Auch die Busse haben sich verändert, seit sie Chicago verlassen hat. Sie gleichen schmalen Flugzeugkörpern, die fast schweben über dem Boden auf etwas, das Insektenbeinen ähnelt. Zwischen den Bussen schlängeln sich Fahrradrikschas, kleine Wägelchen, die man von Pferdebahnen kennt, an Rennrädern befestigt.
Der Busfahrer kündigt die Strassennamen nun zuerst spanisch, dann englisch an. Marina erinnert sich der Aufschrift CHIC-MAÑANA auf dem Flughafengebäude. Sie war genauso groß gewesen wie das Schild mit CHICAGO.
Je länger ich darüber nachdachte, was passieren hätte können, um es genau zu sagen, seit ich die Ausdrucke in Händen hielt, erwachte immer öfter der Wunsch in mir, das Material zu besitzen, es für meine Zwecke zu verwenden. Die Geschichten waren schließlich in Umlauf! Je länger ich drinnen las, umso stärker hatte ich das Gefühl, daß sie sich für mich eigneten. Meine Absicht zu schreiben. Aber es hing noch davon ab. Ich meine, es gab Rechte, Eigentum. Ich mußte noch herausfinden, ob ich bearbeiten konnte, was anderen geschehen ist.
Marina durchquert die Stadt mit dem Bus. Als sie umsteigt, bemerkt sie wie nahe die Wolkenkratzer nun herangewachsen sind. Als sie die Mission verlassen hatte, war die Silhouette davon im Hintergrund geblieben, sichtbar zwar, aber weit entfernt. Wie schnell man gebaut hatte in ihrer Abwesenheit! Doch es ist unmöglich. Sie glaubt, daß sie nur sechs Monate weggewesen ist. Man kann keine andere Stadt errichten in dieser kurzen Zeit. Trotzdem ist es, als hätte eine neue Regierung einen Zeitraffer in die Entwicklung der Stadt gebaut, denkt Marina. Man hatte immer gesprochen vom schnellen Zuwachs des spanischsprechenden Teils der Bewohner Chicagos und nun scheint es Marina plötzlich, als sei es schon so weit. Im Flughafenbus sitzen nur Touristen, sowie schwarze und braune Einwohner, als wäre sie immer noch in Südamerika, nicht im Norden.
Schließlich erreicht Marina das Anwesen der Mission. Es ist das gleiche geblieben. Der riesige rote Backsteinbau einer polnischen Kirche samt Schule, Park und Verwaltungsgebäude, umschlossen von einem hohen Zaun. Die Nachbarschaft der katholischen Polen hatte sich Anfang der Achtzigerjahre weiter in den Nordwesten der Stadt verschoben und einer Übernahme durch katholische Hispanics, meist Mexikanern Platz gemacht. Marina steht vor dem Haupteingang, über dessen Portal ihr eine neue Wandbemalung auffällt, eine weibliche Figur. Sie ähnelt der Jungfrau, mit halb gesenktem Blick, ist aber statt in einem Umhang versteckt zu sein, mit Shorts und T-Shirt bekleidet. Die Hände hält sie gefaltet. Doch es scheint, als umklammerten ihre Handflächen den Griff eines Messers, dessen Klinge hervorsticht aus der betenden Gebärde. Oder ist die schwarze blinkende Sichel ein Mond, wie man ihn aus geläufigen Abbildungen der Jungfrau kennt? An den nackten Füßen trägt die Frau Sandalen. Wie meine, denkt Marina, stelle ich mir vor, der nun kalt werden könnte, denn der wertvolle Stoff des Curt-Anzuges ist dünn, tropengeeignet. Doch Chicago wird kühl im Herbst, wenn Wind aufkommt. Marina versucht noch die Schrift zu entziffern unter dem seltsamen Bild der Jungfrau ohne Kind. Doch es sieht so aus, als ob die Schrift sich bewegen würde, zu schimmern und zu schlängeln begänne, sobald Marina lesen will. Eine neue Technik? Ein Lichtschlangenband, das sich aktiviert, sobald ein Blick sich auf ihm konzentriert?
Marina tritt etwas zurück. Nun sind die Zeichen wieder beruhigt und sie liest: Gringo, accept the doppelganger in your psyche!
Sie beschließt, sich der Begegnung direkt zu stellen und nicht am Haupteingang zu läuten und formell anzumelden. Stattdessen geht sie die Mauer entlang zum Hintereingang. Er müßte noch offen sein. Sie drückt die Klinge, tritt ein, reißt sich den Hut vom Kopf, als hätte sie nichts mehr zu fürchten hier und hört, als sie die ersten Stufen in den Halbstock hinaufsteigt, ein Schreien. Eine junge Frau kniet am Gang, die Hände nach oben geworfen, während sich andere Türen der alten Schulklassen schnell öffnen und andere Frauen ihre Köpfe und Oberkörper herausstrecken, um schließlich zu Boden, auf die Knie zu sinken, die Arme nach oben gerissen, wie die erste. Sie murmeln vor sich hin, stoßen langgezogene Schreie aus, ein Klagen? Marina weiß nicht warum, kehrt ihnen rasch den Rücken zu, um die Stufen zum Büro im ersten Stock zu überwinden. Auf dem Treppenabsatz sieht sie ein weiteres Wandbild im Stil der Graffiti des mexikanischen Viertels von Chicago. Diesmal ist es die Jungfrau vom Haupteingang auf den Knien. Langes, dunkles, gescheiteltes Haar fällt ihr über die Schultern wie der Himmelskönigin. Wieder ist sie in kurze Hosen, eine weiße Bluse gekleidet, doch in den Händen hält sie nun einen Schreibblock und ein Mikrophon. Marina sieht im Vorübergehen, daß ein Aufnahmegerät neben den Knien der Jungfrau steht und eine Schüssel weißer Flüssigkeit, wahrscheinlich Milch. Sie würde der Figur gern in die Augen sehen, die sich fragend auf den Betrachter richten. Doch Marina muß schnell sein, das Schreien und Wimmern der Frauen aus den Zimmern liegt ihr in den Ohren.
"Wieder dabei!", denkt sie und erinnert sich an die fanatischen Zuhörer der Versammlungsabende in der Mission. Sie nimmt zwei Stufen auf einmal, von den unverständlichen Anrufungen verfolgt und erreicht das schallgedämmte Büro, über dessen Eingang erneut die Jungfrau schwebt, diesmal in der Pose Franz von Assisis. Statt der Vögel hatte der Maler tanzende und sich umarmende Indios eingefügt. Warum das?
Marina wird unheimlich zumute. Die Jungfrau hält sich eine Kamera vors Auge und hinter ihrem Rücken erscheint am Himmel, was sie aufnimmt. Marina staunt über die Vorstellungskraft des Wandmalers, der alte Motive mit neuen Technologien vereint. Sie drückt auf den Klingelknopf vorm Büro und als eine Frau im Sichtfenster erscheint, sieht Marina zuerst ihre Augen sich weiten und schließlich öffnet sich der Mund der jungen Frau zu einem Kreis, zu einem Schreien, wie sie annimmt, denn Marina kann sie nicht hören durch das dicke Glas. Das Gesicht verschwindet, eine andere, ältere Frau wird sichtbar. Sie schreit nicht, studiert Marina aber genau. Und Marina studiert ihr Gegenüber auch, entziffert die Gesichtszüge nach und nach, es ist die Schwester, aber sehr alt, bloß die Augen, diese blauen Augen erinnern Marina nun an Lilian. Und wer weiß, wenn alles ineinanderverrinnt, welche Verbindungen zwischen den beiden alten Frauen noch möglich sind. Doch die Musterung, der sich Marina unterzieht, dauert so lang. Und warum? Was war geschehen? Sind es Sicherheitsmaßnahmen? Ist es Angst vor einem Attentat?
Marina möchte gerne weggehen, weiß aber nicht, wohin. Sie will sich nicht immer verkleiden, verstecken, auf der Flucht sein. Da plötzlich springt das Licht auf grün, die Tür ist offen und Marina entschließt sich, tritt ein. Die Schwester im weißen Kleid geht langsam auf sie zu, will sie umarmen, was nicht gelingt, da Marina achtgeben muß, daß ihr der Rucksack nicht vom Arm fällt. Nicht im letzten Moment alles verlieren! Hinter dem Schreibtisch sitzt die junge, dunkelhaarige Frau und starrt sie an. Marina bemerkt ein Porträt an der Wand. Es ist eine stark vergrößerte Fotografie in einem goldenen Rahmen aus geschwungenen, ineinander verschlungenen Ornamenten. In die Öffnungen der Schleifen sind Plastikblumen gesteckt, in deren Zentren kleine Lämpchen leuchten. Sie erzeugen einen Strahlenkranz um die Fotografie. Marina erkennt sich selbst auf dem Bild. Es ist ihr Paßfoto, stark koloriert, am Computer bearbeitet wahrscheinlich, denn ihre Lippen scheinen dicker zu sein, ihre Haut dunkler, ihre Augen größer. Gottseidank haben sie mir keine Dauerwellen gezeichnet, denkt Marina, noch bevor sie überlegen kann, warum das alles geschieht.
In der Zwischenzeit habe ich mich erkundigt. Es gibt keine Regel, die verbietet zu bearbeiten, was man gefunden hat im Netz. Alles ist gratis. Frei. Sie sagen, es gebe eine Begrenzung in der Musik. Mehr als acht Sekunden einer schon veröffentlichten Melodie angespielt, bedeutet Diebstahl. Aber im Roman? Ich bin zwar eine Räuberin, aber ich überschreibe nur, was offen liegt und brach. So arbeite ich die Geschichte heraus in meinem Namen. Sonst es kommt mir ein anderer zuvor. Das wäre schlimm. Darum stelle ich mich jetzt ein, die Stimme Marinas zu sein in Zukunft.
Die Schwester bietet ihr einen Stuhl an und spricht zu Marina in der dritten Person.
- Sie ist wiedergekehrt. Wir glaubten sie tot.
Während sie redet, blickt sie mehr auf das computerbearbeitete Bild auf der Wand als auf Marina.
Schwester, warum schreien die Frauen, wenn sie mich sehen? Fragt Marina.
- Sie glauben Marinas Tod. Sie glauben Marina erscheint als göttliches Zeichen. Wie sollten sie verstehen?
- Aber warum? Was ist geschehen?
- Marina ging fort in unserem Auftrag. Wir hörten von ihr, sie sendete Berichte von Zeit zu Zeit. Nach einem halben Jahr aber schien sie verschwunden zu sein.
- Aber Schwester, ich bin hier. Ich habe alles gebracht. Die Originale, ich bin entkommen, wie durch ein Wunder.
Die Schwester lacht vor sich hin und sagt: Zuerst haben wir gewartet, aber dann durch Globo 2002 erfahren, was geschehen war mit ihr.
Marina meint: Aber wollte Globo 2002 nicht das Material für seine Zwecke verwenden? Sie haben mich verfolgt. Curt....
Die Schwester schüttelt den Kopf und sagt: Zuerst ja. Zuerst wollten sie Marina und ihre Geschichte kaufen oder stehlen, gleich wie. Doch Verhandlungen hatten bald gezeigt, wie ähnlich unsere Interessen sind. Globo 2002 sah ein, daß es nicht weit kommen würde ohne uns. So haben wir uns vereint. Ökologie und Spiritualität. Auf einen Schlag. Damit bekamen wir die alternativen Bauern und Landarbeiter. Und Globo 2002 warb nun mit Gott um Anhänger der grünen Bewegung. Und die Sache lief gut. Globo ist nun eine Unterabteilung der Mission.
Doch keiner hat damit gerechnet, daß Marina noch mal erscheinen wird. Wir glaubten sie tot.
Es ist, als ob die Schwester nicht zu Marina selbst spräche, sondern es scheint, daß sie versucht, sich die Geschichte im Angesicht der jungen, dunkelhaarigen Frau im Büro und im Anblick der vergrößerten Fotografie zu erklären.
Und die Schwester fährt fort: Worauf wir gewartet hatten, trat endlich ein. Der große Heilige Krieg weitete sich aus. Marina war Anlaß. Doch nicht nur was sie selbst vollbracht hatte, machte Mut. Ihr Verschwinden gab uns wertvolle Erleuchtung. Wir brauchten ein neues Leitbild. Nach dem Tod von Strong hatten wir, gemeinsam mit Globo 2002, nach einer Figur gesucht, an der sich alles konzentriert. Durch das Anwachsen der spanischsprechenden Bevölkerung in Chicago und anderswo im Land schob sich der Süden immer mehr in den Norden herauf. Die Grenzen hielten sich nicht. Sie wurden überall. Fast jeder lebte im Zwischenland. Marina wurde die Verkörperung der Kreuzung, des Zwischenseins. Nun, da die Dritte Welt herangekommen war, mußte das Gemischte für alle gut sein. Und es hat funktioniert. Sie glauben jetzt daran.
Marina ist froh, im Büro der Schwester zu sein, festzusitzen auf einem Stuhl. Während sie zuhört, hat sie das Gefühl, als würde ein Film ganz schnell immer wieder vor- und zurückgespielt, nie in der richtigen Geschwindigkeit, die nötig ist, um wahrnehmen zu können, wie das Geschehen wirklich abläuft, stelle ich mir vor. Daß Marina versucht, eine bestimmte Stelle wiederzufinden, an der sie aufhörte zu folgen, zu begreifen, und daß sie meint, von diesem Punkt aus, könnte sie wieder beginnen zu verstehen, die Geschichte nachbilden, deren Inhalt sie zu sein scheint, ohne zu wissen, wie angesetzt worden war und wo. Bei Curt in São Zero hatte sie schließlich geglaubt, durchschaut zu haben, wie sie an ihn geraten war. Doch nun fehlt ihr Zeit. Jahre waren verlorengegangen. Wieviele Jahre halten sich in ihrem Körper auf, ohne Spuren zu zeigen?
Ich nenne sie nicht gern Marina. Für mich heißt sie Malinche. La Malinche. Manche meinen auch, sie wurde Malinal oder Malintzin genannt. Malinal ist ihr Geburtsname und den Namen Marina hat sie von den Spaniern bekommen, nach der Taufe. Darum verstehe ich nicht, warum sie freiwillig diesen Namen behält. Sie ist La Malinche, die Zwischenform. Ich ziehe ihren Mischlingsnamen vor, auch wenn viele dabei sofort an eine Hure, eine Verräterin denken. Die Männer vielleicht. Aber sie war die einzig wichtige Frau in dieser Geschichte des Eroberns. Deshalb ziehe ich Malinche vor. Doch für diese Geschichte hat sie ihren Namen selbst gewählt. Sie nennt sich: Marina.
Während die Schwester weiterspricht, beginnt Marina vorsichtig ihr Gesicht zu betasten. Sie hat sich nicht mehr im Spiegel besehen, seit sie Leni verlassen hat. Sie zieht eine Haarsträhne vor ihre Augen. Wäre wirklich so viel Zeit vergangen, wäre sie jetzt grau. Doch ihr Haar ist glatt und schwarz. Wie immer. Sie bemerkt keine Veränderung an ihrer braunen Haut. Sie erhebt sich, um sich die Hände zu waschen, wie sie sagt, aber es ist, weil sie die Rede der Schwester unterbrechen will, um eine Minute Ruhe zu finden im Plätschern des Wasserstroms, der in leichtem Bogen aus der Wand schießt, als sie ihre Hände nähert. Keine brüchigen Fingernägel. Sie blickt gegen die mit Metall beschichtete Wand, auf der ein temporärer Spiegel nun ihr Gesicht reflektiert. Nicht mehr Falten als zuvor. Dieselben schräg gestellten Augen. Ein paar Rillen an der Stirn, die tiefer erscheinen, weil sie den Staub gefangen haben aus der Kirche und den Straßen von São Zero. Marina bückt sich, schüttet ein paar Handvoll Wasser auf ihr Gesicht. Sie fühlt sich erfrischt. Wie alt würde sie jetzt sein, wenn sie wüßte, welches Jahr? Als sie langsam zurückgeht zu ihrem Stuhl, bemerkt sie ein paar Zahlen unter ihrer Fotografie: 20.10.2020.
Und nun muß die Legende neu geschrieben werden, nachdem Marina wieder unter uns ist, fährt die Schwester fort, sobald Marina Platz genommen hat auf ihrem Stuhl, stelle ich mir vor.
Sie hat beschlossen abzuwarten, bis die Schwester alles erklärt hat, was sie ihr erklären will und dann zu versuchen herauszufinden, wie die eine Marina, die sie kennt, mit der anderen, die sie nun erfährt, zusammenhängen kann.
Die Schwester sagt: Und so wurde sogar der Name unserer Stadt verändert. Das Spanglish sollte die Situation verdeutlichen, CHIC nun gleichsetzen mit dem alten vergangenen englischen Teil und MAÑANA meint, die Hoffnung, das Morgen, das Kommende einer Mischung, die zum Guten führt. Nun können wir endlich abgehen von der Version des Verrats für die Marina immer stand. Weil wir heute mächtig sind, dürfen wir Geschehenes anders auslegen. Und was früher belächelt wurde, schätzt man nun hoch. Sie ist ein Vorbild, sagt die Schwester und deutet wieder auf die Fotografie.
Sie reicht Marina einen kleinen aufklappbaren Kalender, auf dem in zwölf Stationen Szenen der historischen Marina, aber auch Stationen ihrer eigenen Kindheit mit Puppen nachgestellt sind. Der Mordversuch ihrer Mutter, der Verlust des Vaters, usf. Im Nachhinein sieht alles aus, als wäre es eine Passion. Sogar Rafa erhielt seine Figur.
Verdammt, denkt Marina, stelle ich mir vor. Wozu bin ich als Fleisch noch gut, wenn mein eigenes Bild neben mir so stark besteht. Vielleicht sollte ich mich nun auch operieren lassen, wie Zé? Aber welche Vorlage wird mir noch gerecht? Und welcher Arzt wagte, sich zu vergreifen an dem geheiligten Gesicht? Plötzlich fällt ihr die Geschichte der Jungfrau auf dem Rollband ein, die sie in ihrer Anfangszeit hier in der Mission aufschrieb. Nun ist sie selbst nicht mehr allzuweit davon entfernt. Was aber wird jetzt von ihr verlangt?
Ein Vierteljahrhundert hat es gebraucht, spricht die Schwester weiter. Zuerst mußten wir die Jahrtausendwende gut überstehen und dann brachen die Kämpfe überall aus.
Es war Zeit, schwärmt die Schwester. Man mußte die alten Bilder mit den neuen Nöten verbinden. Die Ärmsten wurden die Stärksten. Sie scheuten sich nicht, ihr Leben zu geben für die Religion. Sie warfen die Bänke aus den Kirchen, türmten sie zu Scheiterhaufen auf. Das Feuer wurde wichtiger. In der Kirche streuten sie Piniennadeln auf den Boden, um beim Beten Natur zu berühren. Sie tranken Cola und Schnaps während der Messe. Die Luft war dick von Kerzenrauch und Kräutern, die verbrannt wurden, um die Jungfrau zu rühren. Sie beherrscht nun die Sonne und den Mond.
Marina erinnert sich an die Gemälde, die sie im Treppenhaus gesehen hat und meint nun zu erkennen, daß man begonnen hat, sie zu vergöttern während ihrer Abwesenheit. Das Urbild wurde entfernt. Was aber war das Urbild des Urbilds? Auch die Jungfrau war ein Ersatz für das, was man den Leuten vorgesetzt hatte, nachdem die frühere Göttin zerstört worden war. Immer wieder vergrub man die alten Figuren und immer wieder tauchten Bruchstücke davon auf, setzten sich erneut zusammen. So stimmt die Malerei über dem Eingang des Büros also in gewissem Sinne, denkt Marina. Nur haben sie mich anders zusammengestellt, als ich es selbst gerade versuche. Wie die Berichte.
Was ist nun mit dem Material? Fragt sie. Wird das überhaupt noch gebraucht?
Es sind Reliquien, sagt die Schwester. Denn sie haben Marinas Körper berührt, die Hefte sind mit ihr gereist, waren ihr nahe in der Gefahr. Der Film wurde aus ihren Blickwinkeln aufgenommen. Die Gegenstände sind von unschätzbarem Wert. Die Stichwunden in den Dokumenten liefern uns den Märtyrerbeweis. Stoff für die nächsten Jahrzehnte. Ihren Inhalt aber haben wir längst gesichert, umgewertet und digitalisiert. Nur Ausgewählte dürfen die Originale in Hinkunft berühren.
Doch da gibt es noch einen Punkt, fügt die Schwester hinzu. Wir haben hier einen Gast aus der alten Welt. Wir wissen, daß er ein bestimmtes Dokument mit eigenen Augen betrachten will. Er stellt unsere Verbindung zu Europa. Vielleicht dringen wir einmal bis dorthin. Und Marina kennt diesen Mann vielleicht. Sie kann sich ausschlafen, umkleiden und zurechtmachen. Und morgen könnte sie den Gast sehen.
Die Schwester blickt nun endlich Marina an, statt ihrer Fotografie, nickt ihr zu, reicht ihr die Hand und führt sie in ein Zimmer hinter dem Büro. Es sieht wie ein Hotelzimmer aus, doch wo das Fenster sein soll, die Öffnung ist nur mit einem Rechteck angedeutet, befindet sich ein kleiner Altar. Lampen aus leuchtendem Papier umrahmen ein Gemälde. Marina steht am Hügel der Frauen, in der Hand ein Mikrophon, mit dem sie die in weiß gekleideten weiblichen Figuren segnet oder abhört, je nachdem.
Die Schwester schließt die Türe und Marina läßt sich fallen, auf den weichen, mit flauschigem Teppich belegten Boden, sie rollt hin und her, strampelt mit den Beinen wie ein Hund, sie muß lachen vor dem Altar, und hofft, daß die Wände abgedichtet sind, weil sie nicht weiß, was antworten, wenn die Schwester sie fragt, warum sie in Lachen ausgebrochen ist.
Dann aber überlegt sie: Ich kann alles tun, alles. Ich bin wie Gott, wenn ich will.
Und wieder muß sie lachen.
Das ist es, das ist es, denkt Marina. Das hat gefehlt: Gott lacht.
Aber als sie den leuchtenden Papieren den Strom abschalten möchte, weil sie die Dunkelheit braucht, um einschlafen zu können, findet sie keinen Schalter, kein Kabel. Das funktioniert nicht mit Elektrizität. Gott findet sich nicht zurecht in dieser Welt. Schließlich verhängt Marina mit einer Decke, die sie aus dem Schrank holt, ihr Bild und schläft. Seit langem wieder in einem Bett.
Natürlich geht es mich nichts an. Ich kümmere mich einen Dreck um die Suche nach den Wurzeln. Ich kann mich nur wundern über hausgekochte Identität. Ich mache einen großen Bogen um jeden, der mir Heil verspricht in der Zukunft, in östlicher Philosophie oder in der Rückkehr zur Erde, im Mutterbauch. Ich halte mich mit nichts und nirgends lange auf. Aber immer wieder muß ich sehen, wie das Vergangene auflebt im Verlangen. Ich habe oft davon gehört, im Museum, wenn eine Dame eine andere bespricht. Sie schwärmen von Schmuck und der Kultur der Alten und erhoffen sich ein Stück von Unvergänglichkeit. Im Museumshop erwerben sie Kopien von Nofretetes Ohrgehängen oder nachgemachte keltische Gemmen. Zum Geburtstag schließen sie ihre Blusen mit Medaillons, die ihr Profil in Elfenbein geschnitzt verewigen. Wenn es regnet, spannen die Damen bedruckte Schirme mit altgriechischen Mustern auf und weht der Wind, so binden sie Schals über ihre Frisuren, bemalt mit einer bunten Darstellung Tenochtitlans. Mir wird alles gleich und deshalb fällt es mir leicht, eine Zukunft zu entwerfen, die nicht mir gehört. Und ich habe Spaß daran, durch die Bereiche des Netzes zu streifen, meinen Kopf in ein Kriegerkostüm zu kopieren und mir vorzustellen, wie es wäre. Ich lasse mir die Nahuatl-Gesänge in Originalsprache vorführen, wenn mir langweilig wird. Und weil ich längst zu faul geworden bin, selbst, mit meinem Körper, wirklich, nachzusehen, schiebe ich nun Malinche/Marina vor. Sie soll jetzt schon wissen, wie die Zukunft geschieht. Ich kann nur mitsehen. Nicht fühlen, nicht leiden. Ich stelle mir vor.


GEHEIME AUFZEICHNUNGEN MARINAS
In denen sie ihre Reise zum und vom Hotel zur Grünen
Hölle beschreibt, wo sie Sepp, den Aktivisten von Globo 2002
trifft, der sich Zé nennt.

Ich stammle, bereite mich vor, was könnte ich sehen? Ein Dorf, eine Federkrone, ein Singen, das vom Kopf ausgeht, frischer Lehm vom Fluß, Männer Hand in Hand, ein Lied, die sonnigen Federn, die fliegenden Flammen, die Frau im Hintergrund, gespannt mit einem Kind und der Schmuck am Kopf bedeutet die Welt, vornüber und der Schaft, der ihn trägt, das Seil. Und vor der Hütte ein Gesang, die Frau hält ein Kind im Vordergrund, und Hand in Hand mit roten Bändern an den Knien, schreiten sie voran, wie die ersten, die vom Himmel stiegen, wie das Schilf, wie ein Dachboden über der Hütte aus Lehm, den Köpfen der Männer, die Trockenzeit setzt ein, und Männer gehen rund ums Dorf.
Auf der ersten Etappe der Reise halte ich mich zurück. Ich will nicht Zé beobachten, sondern mich aufs Wasser konzentrieren, das uns trägt. Davon kann ich nie genug kriegen. Ich mag feuchte Hitze lieber als trockenen Wüstenwind, der brennt im Gesicht. Am Boot atme ich die warme, dumpfe Luft ein und durch die Poren tritt das Wasser wieder aus. Und morgens, wenn über dem Wald die Nebel aufsteigen in den Farben Sand und Gold, fühle ich mich belebt. Obwohl beim Frühstück mit Kaffee aus klappernden Metallbechern glänze ich dann schon von Schweiß.
Anfangs wußte ich nicht genau, wie sich verhalten am Schiff als Frau allein. Noch will ich unerkannt bleiben. Man soll nicht bemerken, daß ich aus dem Norden Amerikas bin. Denn innen fühle ich mich fremd. Nur meine braune Haut und mein dunkles Haar, die Farbe meiner Augen, all das steht nicht im Gegensatz zu den anderen Gesichtern am Schiff. Aber daß ich allein reise, fällt auf. Und daher schloß ich mich scheinbar einem Trupp von einheimischen Frauen an, die kochen wollen für die Goldsucher im Inneren des Lands. Sie lachten, als ich abends in mein Buch schrieb. Also mache ich es jetzt nachts, im geheimen.
Von Globo 2002 habe ich nie viel gehalten, ein grüner Friedensplan, der über den Weg des Krieges führt. Und ich habe Zé auch gesagt, daß ich nicht glaube, daß er weiter kommt, solange er nur schwärmt oder klagt. Er ist ein Mann, der geradezu herausfordert, daß man ihn reizt, herumdreht, beanstandet, einer, der seine angelernten Waffen streckt, sobald man seine Leuchte in den Zweifel zieht.
Zé hat lange, dichte, dunkle Wimpern. Man meint seine Augen weinen zu sehen, obwohl er sich zurückhält, das hat er gelernt. Auch Zés Haar ist dunkel und fest, doch spürt man seine blonde Herkunft. Der Vater war hell, sagt Zé, aber die Mutter stärker. Schwer zu sagen, was Zés Gesicht bestimmt, nachdem ich weiß, daß es nicht sein echtes ist nach der Operation.
Es wirkt rund. War früher plump wie ein Mond, sagt Zé, seine Lippen scheinen fest und dick. Waren sie immer, sagt er. Und seine Nase breit. War früher schmal, sagt Zé, kennst du diese Alpennasen, wie dünne, scharfe Klingen stossen sie aus knochigen Gesichtern. Die war von meinem Vater, sagt er, und nun benutze ich eine Nase dieser südlichen Region.
Auf meiner zweiten Fahrt, mit dem kleineren Schiff brauche ich einen Begleiter. Deshalb habe ich in Lilians Urwaldhotel, einem Treffpunkt für Forschungsreisende in Sachen Gold, Wald und Religion, Zé als ungefährlichen Mann gewählt. Er wird nichts verlangen von mir, ich komme mit ihm zurecht.
Als ich im Hotel "Zur Grünen Hölle” ankam, glaubte ich der Name sei ein Witz. Die Ehefrau eines Dokumentarfilmers, Lilian mit dem grauweissen Helm, Pagenkopf aus einmal hellbondem Haar, nun ausgedünnt und müde vom Schwitzen, doch noch glänzend von der Feuchtigkeit, meint es aber ernst. Es war der Titel ihres Films.
Auch Lilians Haut tut die Schwüle nicht schlecht, sie hat wenige Falten, bloß viele kleine braune Flecken über Gesicht, Hals, Ausschnitt, Arme verteilt, was sie sehen läßt von ihrer Nacktheit und nicht verpackt in dem hellbraunen Khakikleid, das noch aus ihrer Expeditionszeit zu stammen scheint. Lilian hat ihre großen Tage in ihrem Körper erhalten, lebt das vollkommene Bild davon den wechselnden Besuchern vor.
Die Zimmer im Hotel "Zur Grünen Hölle”, mit seinen glatten, blau gekachelten Böden, saubergehalten von Leni, dem schwarzen Hausmädchen, sind billig. So kann man auch die moderfleckigen Wände ertragen, die gerahmten Kalenderblätter mit deutschen Ansichten, eine Nachttischlampe, waghalsig verkabelt, ein quietschendes Metallbett mit schlaffer Matratze, feuchtschwere Wolldecken, die die Nachtkälte an den Körper pressen, anstatt zu wärmen, sodaß ich wachgehalten, sehnsüchtig wieder auf die Sonne des nächsten Tages zu warten beginne. Aber Leni ist freundlich und Lilian, anscheinend interessant, habe ich anfangs gedacht, als ich Zé mit dem Mikrophon hantieren sah.
Mir öffnet er sich auch gleich, fängt an zu erzählen von seiner Organisation, halb verschlüsselt vorerst, indem er von seiner Kindheit spricht und seinem Jahr in der Antarktis. Es klingt wie die Berichte vom Militär. Aber mir gefallen Geschichten vom Land im Eis. Sie kühlen besser als die Würfel in unseren Getränken und erinnern mich an die kalten Winter in Chicago, der Stadt meiner Herkunft.
In Mau angekommen will ich mit Zé tiefer in den Wald hinein. Die Boote, die uns mitnehmen, werden immer kleiner. Schließlich sind wir nur mehr vier.
Ich, Zé, der Bootsmann und ein Träger durchstechen schneeweiße Türme aus Wolken, die die Sonne vor uns immer wieder erzeugt. Der Bug unseres Bootes springt knallend über lehmiges Gelb. Dann steuern wir auf das Ufer zu, den grünen, niedrig gewachsenen Saum des Waldes. Das Boot schießt in Wasserpflanzen hinein, Heuschrecken spritzen davon. Der Motor erstirbt. Leise gleiten wir ins schwüle Innere, sind bald durchnäßt. Der Stoff unserer Kleidung klebt dicht an der Haut. So stört auch das Gewitter nicht, wegen des Regens, der plötzlich auf uns fällt. Rudernd pirschen wir tiefer in den Wald. Dann verlassen wir das Boot und setzen unseren Weg zu Fuß fort.. Ein Pfad ist mit freiem Auge nicht zu erkennen. Nur der Führer sieht ihn. Wir befinden uns in seiner Hand. Zé geht mit ihm und dem Bootsmann voran. Mit Macheten hacken sie einen Weg aus dem dicken Unterholz. Obwohl ich nur kleine Äste abschneide und zurückbiege als Letzte, steigen nach einer Stunde schon Blasen in meinen Handinnenflächen auf. Meine Füße sind geschwollen, meine Finger voller Dornen und meine Arme und Beine von Insektenbissen rot. So habe ich mir die Suche nach den Wurzeln nicht vorgestellt. Nichts ist einfach, sobald man die dunklen Mauern des Urwalds betritt, den langen, grünen Tunnel voll Durcheinander und Geruch. Man fühlt die Wut des Entdeckers auf eine Welt, die er enthüllen will und die trotzdem niemand sehen kann, als nur er selbst.
Über unseren Köpfen wechseln Fledermäuse von Baum zu Baum. Sie können nicht stillhalten, sobald wir uns nähern. Abends, nach zehn bis zwölf Stunden Marsch und erschöpft auch von der Ungewißheit sinke ich in einen Schlaf, der mich bald wieder verläßt. Die Geräusche des Waldes stören mich auf. Ich bin in einer riesigen Stadt aufgewachsen mit den Vögeln Chicagos. Möwen, Tauben, Sperlinge. Große Tiere kenne ich nur aus dem Zoo. Und hier bestimmt mich die Natur ohne Geduld. Und ich friere. Die kalte Feuchtigkeit der Kleider schleicht mir in die Knochen.
Frühmorgens sehe ich einmal eine Fledermaus kopfüber aufgehängt. Die Urwald-Vögel fangen in der feuchten Dämmerung an zu singen. Und während ich versuche, verschiedene Arten zu erkennen, mithilfe eines kleinen Buchs, klagte Zé über ihr Verschwinden, wieviele Tierarten pro Tag pro Quadratkilometer sich auflösen ins Nichts. Ein Rückschritt der Evolution, erklärt er, menschliches Verderben, während auf den Ästen über seinem Kopf ein verbliebener dottergelber Vogel seine Schwingen in die nasse Luft trägt und aufgeht in dem Gewirr.
Später während des Tages vernehmen wir ein leises Geräusch am Grund des Waldes. Unser Führer heißt uns schnell auf einen Baum klettern und das merkwürdige Rascheln schiebt sich näher heran. Blätter geraten in Bewegung und dennoch spürt man keinen Wind. Alles was kriecht, ist auf der Flucht vor Räubern. Rette sich, wer kann. Das leise Knistern der Insektenleiber begleitet ihren Gang zum Krieg. Der blinde, nur auf Angriff und auf Beute programmierte Trieb kennt keine Angst. Die Ameisen dringen in Bauten. Sie überfallen kunstvolle Nester und rauben die Brut. Und für jeden Toten stehen hundert andere auf.
Ein einzelner Soldat verfügt über keinerlei Individualität oder gar Intelligenz im herkömmlichen Sinn, sagt Zé verheißungsvoll. Nur alle zusammen sind ein Lebewesen an einem höheren Ort. Ein Soldat spielt die Rolle einer Zelle in einem Verband. Angesichts solcher Durchtriebenheit erscheint der Regenwald als riesenhaftes grünes Gehirn, schwärmt Zé. Erst nach vier Stunden dürfen wir herunter von unserem Baum.
Ich fluche auf die Mission, die mich in Sprachen und Religionen ausgebildet hat, nicht aber im Marschieren, im Behandeln der roten Ausschläge, im Hungern und im Warten, in stechenden, kratzigen, bissigen Wesen. Das alles begegnet mir auf dem Weg durch den Wald. Doch ich will dennoch weiterziehen. Nicht nachlassen, sondern hinein.




LILIANS TAGEBUCH:
Wie sie in den Urwald kam und warum sie übrigblieb
als Gedächtnis eines Films ihres Mannes.
Dann tritt Sepp an sie heran. Lilian erzählt, nur Marina stört.

Das Land ist leer. Auf fünf Quadratkilometer kommt nur ein Bewohner, und von Jahr zu Jahr verringert sich die Zahl der Indianer. Sie sagen, Land ohne Menschen für Menschen ohne Land, aber sie haben keine Ahnung, was das heißt.
Ich und mein Mann, wir haben gelernt, seit vielen Jahren, daß der Urwald größer ist als der Herr. Nichts kann eindringlicher sein und Gott ist gut, solange er in Häusern wohnt. Doch im Dschungel kann auch er nichts sehen. Die Flecken bleiben blind, wo das Böse seines tut. Der Wald ist eine größere Kraft und er ist grün. Er dehnt sich weiter aus. Seine Grenzen sind noch nicht erkannt.
Am Tag, als ich abreisen sollte, damals vor fünfzig Jahren, zogen wir ein letztes Mal hinein und ließen unsere Sammlung von Insekten, Vögeln, Schlangen in die Freiheit. An ihrer Stelle sendeten wir Bilder in die Heimat. Deutschland würde staunen. Wir hatten viel erreicht mit unserer Arbeit, und der Preis war hoch.
Und als ich zum weißen Kreuz hinausging und sah, daß nur die Schrift am Stein noch sprach von meinem Mann, da wollte ich doch bleiben. In der Nähe seines Grabes. Ich hatte vollendet, was von seinen Gedanken auszuführen war. Ein Opfer für die Kunst. Auf diese Weise kennt man ihn jetzt in Deutschland noch über seinen Tod hinaus. Mein Mann lebt im Film und ich in ihm, seine gut gemeinte Hälfte. So hat er mich benannt im Scherz. Und ich konnte nicht davon. Ich blieb im Wald, umgeben von seinem Gesetz und gründete das kleine Hotel. Es heißt nun nach dem Film "Zur grünen Hölle".
Und ich habe dem jungen Mann davon erzählt, den es hierher verschlagen hat, und es war nicht der erste Deutsche, der mich fand.
Sepp sagt, er heißt eigentlich Zé. Seine Haut wirkt dunkler, oder in Europa würde man sagen: Mittelmeertyp. Er spricht die deutsche Sprache ohne Akzent. Ich habe ihn ausgelacht. Er will dem Wald das Leben geben, sein Schwinden aufhalten. Zu seinem Schutz.
Sepp, sage ich ihm. Aber er will unbedingt Zé genannt sein, und auch nicht Josef.
Ich sage trotzdem: Sepp! Der Wald ist größer als der Herr, denn der Herr wandte sein Antlitz ab von ihm.
Sepp hält still, packt dann sein Mikrophon aus der Tasche und ich beginne zu erklären, wie es hier gewesen war noch vor dem zweiten Großen Krieg. Wir kamen an, um einen Film zu drehen.
Aber das Wichtigste, diktiere ich Sepp ins Mikrophon, ist die Geduld in der fremden Welt.
Worauf er mir entgegnet, nein, die Zeit drängt, der Regenwald brennt.
- Nein, warten Sie, Herr Sepp, stellen Sie sich vor, ich bin als Frau in den Urwald gedrungen mit meinem Mann, um möglichst viel Sichtbares abzubilden für solche, die die Wirklichkeit nie sehen. Das war unsere Aufgabe. Wir drehten uns in die fremde Welt hinein und schafften eine Ahnung. In Deutschland sollte davon etwas wahrzunehmen sein. Mein Mann setzte das Ziel und riß mich in die Begeisterung dafür. Ich wollte gerne seine Hälfte sein. Alles gab ich deshalb auf. Ich war Darstellerin gewesen, ein würdevolles Medium. Ich verkörperte die Frauen vor dem Krieg.
Doch dann erhielt ich meinen Mann als Regisseur. Und als er mich bat, als Ehefrau zu folgen, war ich überzeugt auf der Stelle. Das Vorhaben, in die Fremde zu gehen, trieb mich genauso. Wir hätten in Deutschland auch bleiben können. Wir wurden nicht verfolgt. Ich konnte alles spielen. Die Angebote waren nicht schlecht. Viele Juden verschwanden, und Rollen hatte ich daher genug. Ich war beliebt.
Und als ich ja sagte, mußte es unbedingt eine weiße Hochzeit sein. Wir durften uns plötzlich nicht mehr ansehen wie vorher. Mein Mann war im Aberglauben gut, und erst am Weg zum Altar durfte ich ihn berühren. So hielt er meine Unschuld für wiedergutgemacht. Sie strahlte und über den glatten Stoff meines Kleids glitt nun der Glanz von hunderten Blitzen. Die Presse nahm ihr Teil und faßte uns in Fotos. Vorbilder für den Traum von tausend anderen Frauen. Zwei kleine Negerkinder gingen hinter meiner Schleppe und zeigten den Kontrast. Zum Filmen waren die Dunkelhäutigen beliebt. Man brauchte sie als Hoffnung auf die alten Kolonien.
Mein Mann drehte: Dr. Karl Peters und Quax in Afrika. Die Neger schlugen auf die Trommel in den Pausen, sie sangen vor den Studios. Und waren dann gut eingeführt. Sie wollten nicht nach Afrika zurück.
Sie mußten sich immer umstellen, einmal schwarz sein, einmal hell bemalt. Sie standen Werbung, verkauften Messer. Es war immer zu tun. Es gab auch Dunkle, die wollten unbedingt wie Weiße sein. Und damit haben sie dann nichts verdient. Es ging ihnen schlechter als den Echten. Die schwarzen Schwarzen wurden von den Nazis nicht kassiert. Woher hätte man schließlich neue geholt? Sie waren um ihr Essen froh und Fußballspielen war erlaubt. Juden durften nicht mehr auftreten. Es ging fröhlich und gemütlich zu beim Film. Das war keine Anstrengung. Bei Zehn kleinen Negerlein habe ich auch mitgespielt. Geschminkt. So fing mein Aufstieg an. Und endete in Weiß, mit Schnappschuß vor einem Schloß.
Doch noch wußte ich nicht, welches Spiel ich betrat, als ich meinen Mann in mich ließ. Seine Vorstellung. Die Kraft. Den Wald. Er wollte nicht einen Film schaffen, in dem das Fremde nur Aufsehen erregt. Er wollte Aufnahmen des innersten Urwalds, seiner Unberührbarkeit, das Freie, die schöpferische Kraft. Mein Mann wollte die angenehme Übereinstimmung beweisen, die der Dschungel trotz allem erzeugt. Auch im Kampf. Denn der Krieg ist Überlebensprinzip.
Vom Kampf weiß er viel, sagt Sepp, er möchte retten, was zu retten ist, dafür ist jedes Mittel gut, prahlt er.
Könnten Sie ein bißchen langsamer vorgehen, bis Sie wissen, was der Wald hier ist, sage ich und er sagt, bis dorthin ist sie zerstört.
Und ich schneide ihm das Wort gleich ab: Leni, schnell, der Herr braucht eine Erfrischung.
Doch Sepp steht auf, packt sein Mikrophon ein, verläßt den Raum, bevor noch Leni mit der Limonade kommt.
Er ist vielleicht so aufgeregt, weil die Amerikanerin seit gestern verschwunden ist. Abgereist. Angeblich macht sie Filme und kennt unser Werk. Deshalb kam sie in mein Hotel. Reine Neugier, sagte sie. Leider begann Sepp sich zu viel für sie zu interessieren, kümmerte sich, wollte mit ihr reden. Wenn sie anwesend war, hörte er mir kaum zu, betrachetete ihre langen dunklen Haare, drehte das Gespräch in Richtungen, von denen er vermutete, daß es ihr gefiel.
Ich glaube, sie war sogar Indianerin, das Haar fast blau. Sepp war unerträglich. Verlor sein Pflichtgefühl. Die Amerikanerin, sie nannte sich Marina, kreuzte ihre Beine, halbnackt, in Shorts, in den Tropen! Ich wünschte ihr gefräßige Insekten auf die Haut und rauhe, kratzige Blätter mit scharfen Rändern, wenn sie im Dunkeln durch den Garten spazierenging. Doch die Mücken taten ihr nichts an und ihre Haut blieb glatt. Sie störte unsere Gespräche. Sepp begann zu stammeln, und Marina stand auf, um ihm gekühltes Wasser zu bringen und Sepp starrte auf den Saum ihres Haares, das sie abends offen trug. Sepp war hypnotisiert. Doch nach drei langen Tagen und Nächten reiste sie dann ab. Gottseidank. Wer weiß wohin. Wahrscheinlich zu den Suchern. Man kennt, was Frauen wie sie dort tun. Die hatte mehr im Sinn als Film. Sie suchte nicht den Urwald, sondern einen Mann. Oder mehrere zugleich.




REISEJOURNAL VON SEPP
Sepp, der sich Zé nennt, wird fast gefressen
von der Wildnis, was ihm gar nicht schlecht gefällt.

Der Himmel ist fortgewesen. Kein Hell mehr oben. Nur Grün, der Urwald und dunkelgrünes Licht, vielleicht sind es die Wolken gewesen, wie vor einem Regen, ich weiß nicht. Der Schatten hat mir Angst gemacht, vor allem. Schatten und Hitze. Die Augen haben sich gewöhnen müssen. Nichts war mehr genau zu unterscheiden. Welches Blatt zu welchem Stamm, wer mit wem zusammenhält. Ich bin winzig und sie sind getarnt gewesen. Sie haben sich schützen können, aber ich?
Der Führer vor mir, hat zumindest einen Weg gesehen. Hat rötliche Rinde von einem Baum geschält und gesagt: Riech! Den köstlichen Duft! Warum schlagen sie das Holz? Wegen der paar Kühe, die dann auf schlechtem Gras und zwischen nachgewachsenen Büschen weiden? Der Führer hat gesagt, zieht man ein Stück aus dem Wald, stürzt der ganze Bau. In sich, wie eine Kathedrale.
Ich habe weitergehen wollen, aber mein Hemd hat sich an einem Ast verfangen. Wahnsinn.
Sie läßt dich nicht, hat der Führer gesagt und gezwinkert. Doch er hat mich sicher zurückgebracht. In der Nacht habe ich kaum geschlafen, zu lärmend das Rundherum. Die Tiere geben keine Ruhe.
Frühmorgens habe ich mich wieder aufgemacht, heimlich. Ich habe allein probieren wollen, bin in kurzen Hosen gegangen, in Zehensandalen, den Stift und das Reisejournal in meiner Tasche mit dem Reißverschluß. Auf dem Pfad ist gleich am Anfang ein Haufen Kleider gelegen, von Faltern fast total verdeckt. Sie haben im Stoff nach Schweiß gesaugt. Wie ein Käfer habe ich mich zwischen die Bananenstauden geschlagen, habe durchs Dickicht wollen, scharfe Pflanzenränder und Zweige haben mein Gesicht gekratzt. Ich bin trotzdem weitergedrängt. Es war irrsinnig heiß. In der Frühe schon. An einer kleinen freien Stelle habe ich mich hingesetzt. Habe erst mal sehen müssen, das heißt denken wollen, das heißt spüren, wo ich gewesen bin. Habe wissen wollen, was sich abspielt vor dem Verstehen.
Für mein Reisejournal war das sowieso schon zuviel. Die Zeichunungen, die ich machen habe können, sind völlig über die Blätter hinaus. Meine schwitzigen Finger haben übers Papier geschmiert. Da habe ich mich an den Lehrgang "Bildnerische Kunst der Indios" in Berlin erinnert. Total interessant. Damals schon hat es mich dazu getrieben gehabt, mit Zehen, Fingern und Strichen zu verstehen, was es jenseits der Erklärungen gibt. Es hat mich gejuckt, zu begreifen. Und nun in der Wirklichkeit ist das Geschaute unheimlich größer gewesen, wie ich da gesessen bin, immens größer als alles, was sie mir gezeigt haben dort. Ich bin irgendwie nicht wirklich vorbereitet gewesen, für dieses erste Mal. Die Wildnis ist kein sicherer Schoß, ist mir vorgekommen. Von ihren Zähnen habe ich schon gehört gehabt und wie fest sie einen halten kann, sogar den, der sie zerstört. Die Wildnis ist das Eigentum der Geister, hat der Kursleiter in Berlin erklärt. Aber dort haben die Erzählungen von Indios geklungen wie Märchen, als wären sie nur erfunden. Aber hier haben mich die Vorstellungen hineingezwungen, zum Boden. Ich habe gespürt, daß ich bleiben soll und auflösen, was sie mir berichtet haben in Deutschland. Bin ich deshalb eingedrungen?
Wenn die Geister keinen Schatten finden, werden sie zur Last, hat der Kursleiter in Berlin gesagt. Und am Tag vorher habe ich noch frei gefühlt, habe ich geglaubt. Der Führer hatte betont, daß ein Mensch sich vollkommen verlieren kann im Wald, wenn er ihn nicht kennt. Und ich bin schon fast so weit gewesen, Wahnsinn, ich habe gehört, wie die Bäume sich miteinander unterhalten: Lauschen und rauschen. Es war so. Wirklich.
Es ist der Punkt gekommen, an dem alles zerlaufen ist, zerfallen, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, alles hat sich umgewandelt in viel mehr, als ich fassen habe können mit meinem Sinn. Die Erscheinungen haben irgendwie total zugenommen. Ich habe die Mehrzahl aus den Augen verloren und wenn ein Ast geknackt hat, ist Angst in mir aufgesprungen, nicht mehr ich, mein Körper.
Ein dunkler Blick hat mich angerührt, ist mir vorgekommen, und etwas in mir ist gezuckt vor dem Glitzerurwaldglanz. Ich bin so winzig geworden, irrsinnig klein dagegen. Habe kaum mehr was begriffen. Die griffen an. Oder wer? Weiß nicht, ob ich was gehört habe oder mir das Grollen und Knurren eingebildet. Unerträglich laut. Ich habe geglaubt, Efeu schießt gleich aus meinem Arm. Meine Finger haben sich verklebt angefühlt. Ob das Gummi oder Haut war? Der Zwischenraum von Pflanzen und Menschen war verschwunden. Zu fruchtbar, zu dicht, zu faul ist alles gleich geworden, was ich noch wahrnehmen habe können, ich war ein Teil davon. Weit entfernt vor mir, ist aus den Schornsteinen meiner Zehen Rauch aufgestiegen, habe ich gesehen. Aber wo war das Feuer?
Ich habe gezeichnet, um mich zu erhalten, habe den Rest von mir auf Papier gekritzelt. Und wenn ich aufgeschaut habe, haben die Schmetterlinge wie Schnecken ausgesehen. Schlangen haben sich kletternd wie Pflanzen bewegt. Ich habe vor Räubertieren gezittert, die Blütenmäuler sind mit Zähnen besetzt gewesen und Raupen haben Gewächse ausgesondert. Schwärmer wie Kolibris getan, wahnsinnig, und Orchideen wie weibliche Geschlechter. Ich habe nicht mehr durchgeblickt in Gedanken, mich nicht mehr festgestellt.
Bin ich das verwertbare körperliche Material für diese Wesen gewesen? Habe ich später gedacht. Haben sie mich aufgespürt oder bin ich hineingegangen in ihr Horchen? Wer war auf der Lauer? Ich oder sie?
Dann ist meine Untersuchung völlig abgebrochen. Mit allen Mitteln habe ich vollkommen versagt. Ich war total ruhiggestellt. Die Wildnis hat sich vergriffen an mir. Und die Verwandtschaft der Natur hat über meinen Verstand weit hinausgereicht. Habe um ihn fürchten müssen, sogar im nachhinein.
Die wahre Wirklichkeit liegt jenseits der Straße. So hat der Satz gelautet, der aus mir herausgerissen worden ist, als ich mich nicht mehr in meinem Körper befunden habe.
Erst so gegen Abend haben sie mich dann geholt. Sie haben mich auf einer Bahre zum Lager tragen müssen. Mein Führer hat es später so erzählt. Ich war verschlungen im Inneren der Wildnis gewesen. Mein Führer hat das schon gekannt. Ihre Formen lassen sich übertragen auf Gegenstände aus dem Alltag oder sind wie Pläne in Gesichter gemalt, hat er gesagt. Die Zeichungen in meinem Reisejournal haben ihn daran erinnert.
Das ist vielleicht was wert, hat er gemeint. Und: Vielleicht hast du daraus gelernt?




GEHEIME AUFZEICHNUNGEN MARINAS
Mit Zé bei den Goldsuchern als Ehepaar getarnt.
Erste Überraschung.

Nach einer Woche Marsch erreiche die Piste der Sucher . Unser Führer und der Bootsmann lassen Zé und mich allein. Im Dunkeln stellt er ein Zelt auf. Zé ist nervös, kann nicht einschlafen und erzählt von seiner Gesichtsoperation. Als sei er ein Held wegen der paar Narben.
Das ist nur der Anfang, ziehe ich ihn auf.
Und eingeschnappt, versucht er zu beweisen, wie sehr es ihn gibt. Als Mann. Nicht schlecht.
Morgens erwache ich bald, klettere ins Freie. Dem Lärm nach zu schliessen, befinde ich mich hier mitten im Krieg. Alle dreißig Minuten startet und landet ein Flugzeug mit Lebensmitteln, Waffen und Arbeitsmaterial. Dazu kommt das Geknatter der Hubschrauber, das Rattern der Dieselmotoren, das Dröhnen der Bagger, die die Erde bewegen. Sollten hier Indianer leben, so muß das für sie die Hölle sein. Vor einigen Monaten befanden sie sich noch in der Abgeschiedenheit des Walds und dann haben Flugzeuge und Maschinen ihren lärmenden Schauplatz plötzlich hierher ins Unberührte verlegt, als hätte es nie etwas anderes gegeben als Geschäftigkeit.
Ich schlendere mit Zé auf der Piste herum, erkundige mich nach dem Zustand der Mine, will Plätze wissen, Preise. Ich spreche, als wäre ich die geschäftstüchtige Frau eines Suchers, die prüft, ob ihr Mann hier bleiben kann.
Als Spione - und jeder, der nicht selbst das Gold sucht - wird als solcher angesehen, sind wir immer in Gefahr. Ständig bereit zu fliehen. Zumindest in der Theorie.
Wir wissen, daß wir notfalls in diesem Klima auch ohne Lebensmittel auskommen müssen. Man kann Wasserflöhe, Mückenlarven, Termiten und Würmer verspeisen. Schweres Eiweiß. Und unsere Taktik muß eins werden mit uns, wie der Herzschlag völlig übereingestimmt .
Am nächsten Tag, als ich mit Zé von der Piste wegmarschiere, ist der Waldboden aufgeweicht infolge starken Regenfalls an den vorhergehenden Tagen. Ich wate durch knöcheltiefen Schlamm. Die Schuhe können wir nicht ausziehen wegen des Mülls. Aufgeschnittene Konservendosen, Holzsplitter, zerschlagene Flaschen.
Neben einer langen hölzernen Brücke werken drei Männer hüfttief in einem trübbraunen Wasserloch. Einer drückt das Ende eines dicken Schlauchs unter Wasser, während ein zweiter sich abmüht, einen anderen Schlauch zu sichern, der sich wie eine Schlange windet, während sie Schlammwasser aus ihrem Maul spuckt. Der Strahl schiesst ans Ufer des Flusses, reißt Sand und Kiesel mit. Der dritte Mann, hager und lehmverklebt, nickt mir zu.
Ich will auf einen Hügel steigen.
Von da oben kriege ich die nötige Totale, sage ich zu Zé, und vielleicht sogar einen Schwenk über die Pisten hinaus. Ich brauche das Motiv. Der Aufstieg ist mühsam, Zé flucht, murmelt, halb jammernd, halb wütend vor sich hin. Alle Bäume der Umgebung sind gefällt, damit die Flugzeuge sich nicht verirren. Stämme liegen wie Zahnstocher kreuz und quer. Ein Hubschrauber bohrt sich von unten in die Luft und ich sehe plötzlich, wie Indianer sich am Rand der Piste ducken und hinter dem am Boden gestapelten Holz verstecken. Frauen, auf ihrem Rücken ein Kind und einen Korb. Ich ziehe sie an mich heran, mache Großaufnahmen.
Die Indianer sind heute kein Problem, haben die Sucher bei unseren ersten Gesprächen erklärt, harmlos. Sie schlagen nicht zurück.
Als ich den Hügel erklommen habe, Zé immer hinter mir, bemerke ich die erste Leiche, völlig nackt, Zähne ausgeschlagen, das Gold, ein Weißer. Ein Fremder, sagen die Sucher später. Darum bekommt er auch kein Loch in ihrer kostbaren Erde. Zumindest habe ich ihn von allen Seiten fotografiert.
Aus dieser Höhe kann ich beobachten, wie die Zerstörung alles einnimmt. Mit dem Teleobjektiv erforsche ich die Technik des Bäumefällens. Ein riesiges Dreieck von Stämmen stürzt in sich, ein Baum drückt die zwei nächststehenden in seiner Fallrichtung zu Boden, die reissen vier um und so fort. Der Wald ist ein abgekartetes Haus. Geübte Fäller ersparen sich viel Arbeit auf diese Weise. Doch der Geruch der Leiche kriecht mir langsam in den Bauch.
Zé beißt die Zähne zusammen. Er leidet vor allem mit den Bäumen.
Ich bahne mir meinen Weg weiter zwischen gefällten Stämmen und Schlamm. Gleich hinter einer Pflanzung erreicte ich das erste Indianerhaus. Es ist alt, verfallen und unbewohnt. Das kommt vor.
Alte Häuser werden vom Urwald gefressen, erklärt Zé. Ranken kriechen aus dem Schatten, machen sich auf, die Mauern zu überziehen. Samen verfangen sich in Ritzen, schlagen Wurzeln, klettern hinauf und jede Pflanze kämpft, die schnellste zu sein. Die Lücke schließt sich bald, das Bauwerk wird verdeckt.
Ein paar hundert Meter weiter finde ich trostlose kleine Hütten, zusammengestoppelt aus Blättern, Rinden und Plastikmüll. Der Boden ist matschig, mit Abfällen durchmischt. Viele Plastikwasserflaschen und Reste von Schuhen. Dann sehe ich die Indianer. Frauen mit Babys, sie halten sich versteckt. Als ich einen Schritt auf sie zugehe, fliehen sie ein Stück zurück.
Ich marschiere mit Zé weiter, komme schließlich zum Gemeinschaftshaus. Ich bitte mit Gesten, eintreten zu dürfen und die Indianer erlauben es. Drei alte Frauen stehen hinter Bananenblättern verborgen.
Ich will aufnehmen, wage es aber nur heimlich. Halte meine Kamera wie eine Handtasche. Sie surrt ohne Geräusch. Die blinkenden Anzeigen habe ich mit Pflaster überklebt.
Nach einiger Zeit des Schweigens machen uns die Indianer durch Gesten verständlich, wir sollen gehen.




LILIANS TAGEBUCH
Von beginnenden Unstimmigkeiten. Wer kann die wahre
Natur des Dschungels sehen? Lebt oder stirbt der Wald?

Erst am nächsten Tag hört Sepp wieder zu.
Ich erinnere mich für ihn, wie alles begann. Der Aufbau der Geräte dauerte. Hatte mein Mann es auf gewisse Tiere abgesehen, waren sie verscheucht, bis wir sie auf dem Film festhalten konnten. Das Warten auf neue Exemplare machte mürbe und die Hitze verdarb den Film. Mein Mann stand, bis es den Tieren gefiel sich zu zeigen, wie er in Aussicht hatte sie zu sehen. Ameisenbär, Beutelratte und Kolibri spielten ihre Rollen. Die Blattschneiderameisen aber unterbrachen grundlos ihren grünen Strom.
Nur die Hirten konnten helfen und weglassen, was die Kamera stört. Das Einfangen wilder Pferde filmten wir ohne den Zaun. Die Hirten verzichteten auf die völlige Wirklichkeit zugunsten des Films. So wurde alles schön. Aus den Augen meines Mannes strahlte Freude. Gelungene Bilder und Bewegung und die Kraft der Pferde hielt die Kamera ganz fest. Die Tiere liefen nicht mehr fort. Wir hatten sie für immer.
Nur im stillen wunderte ich mich über die Hirten. Denn als Europäerin konnte ich anfangs nicht verstehen, warum sie ihre Grausamkeiten abends gern an den Echsen vollziehen. Ihre Vorführung des Vernichtens widerte mich an. Ich hatte sooft gesehen, wie diese Jäger ihre Opfer quälten. Aber mein Mann witterte immer dann Beute für seinen Apparat.
Plötzlich spricht Sepp von seinen companheiros, von einem Film, den er gesehen hat, in dem ein gewisser Tó seine Arbeit beschreibt. Er ist am Ende Sozialist?
Sepp sagt nein, er ist nur die "Bewegung" und erzählt: Tó traf die Leute von den Banken, die die Zerstörung finanzierten. Er berichtete der Presse vom Raubbau. Denn noch nie hatte die Welt einen solchen Niedergang erlebt. Zapfer wurden vertrieben, Wälder wurden verbrannt. Sepps Reden klingt wie auswendig gelernt. Sicher spricht die Organisation aus ihm. Und er leiht diesen Vorgaben sein Gefühl. Sepp fährt fort: Sie haben es doch selbst gesehen. Die Wildnis bestand nur mehr aus Rauch. Es war eine Enthüllung. Die Schrift hat recht.
Hören Sie auf, sage ich ihm, welche Schrift und wer hat recht? Was wissen Sie, wer Gott ist. Hier war immer die Hölle zuhaus und wer anderes beschreibt, der kennt seine Bestimmung nicht genau.
Das Böse ist grün, sage ich, es wohnt hier, und ich habe gewählt als Weiße zu bleiben, wie Sie auch. Ich beherberge die Fremden.
Geben Sie doch zu, daß anderes Sie treibt. Sie lieben nicht den Wald. Sie sind doch einmal da und einmal dort.
Ja, weil alles gleich klingen soll, der ganze Ball der Erde, wird Sepp laut.
Und ich schreie: Für das Ganze sind Sie viel zu klein.
Er ist wütend. Geht schnell hinaus, kommt zurück und knallt mir ein Buch auf den Tisch. "Der Treibhauseffekt".
Ich breche in Lachen aus.
In der Unterhaltungsindustrie hat der Regenwald Konjunktur, schreit Sepp mich an.
Die Tränen kommen ihm bald.
Er schluchzt: Ich war beim Solidaritätskonzert. Will eine Melodie anstimmen. Seine Worte klingen wie: "Verpfusch nicht den Dschungel", dann aber wimmert er. Weil er an vergangene Zeiten denkt.
Und dreht sich um, verläßt den Raum.
Ich rufe Leni und bitte sie, Sepp in einer Stunde ans Mittagessen zu erinnern. Sie sagt, daß er sagt, daß er kommt.

Ich bin nie in den Tropen gewesen, habe sie nur gelesen und die Bilder dazu bleiben sich gleich. Alles scheint vorhergesehen, ein Katalog voll Mustern. Auch Sepp, auch Lilian und Marina bedienen sich daraus. Da sind Moskitos, lästige Tiere, unheimliche Geräusche. Da ist Pflanzendurcheinander, das nach Ordnung schreit, da ist Schweiß, die Angst, da sind rote Flecken auf der Haut und Bisse, Gefahr, die unterm Wasser lauert, Aale mit elektrischem Schlag, die Wunden reissen, Schwärme voller scharfer Zähne, Ungeheuer, Hunger, Probleme mit der Navigation, Sehnsucht nach Käse, Rotwein. Da sind Tiere, zu denen man nicht redet, unter denen man nur leidet oder stirbt.
Verkehrte Hoffnung, enttäuschte Erwartung, wie in jenem kleinen Gedicht, das ich fand, auf der Suche nach mehr:
Amazonas, lieber Amazonas,
du hast kein ehrliches Herz,
du erzählst von schönen Dingen,
aber der Weg dorthin ist schwer.
Ich denke nicht daran in die Wildnis zu gehen, setze die Personen dieser Geschichte als Stellvertreter ein, schicke sie vor und rückwärts, lasse sie irren und am Alten kleben, das sich vermehrt im nächsten Kreis. Und jedes Wiederholen schleift den Kurs.