Sabine Scholl
NAMEN MACHEN
"Denn der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa
ein Mantel, der bloß um ihn her hängt, und an dem
man allenfalls noch zupfen und zerren kann, sondern ein
vollkommen passendes Kleid, ja wie die Haut selbst ihm
über und über angewachsen, an der man nicht schaben und
schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen."
J. W. Goethe
Das wichtigste ist, sich einen namen zu machen.
Ohne namen sind wir nullen, zählen wir nichts im gespräch
um die kunst, sind wir maschinen, kopf- und gestaltlos,
oder wie die tiere, bleibt nichts von uns. Ohne namen
können wir vergessen, was wir tun.
Was kann es schlimmeres geben? Nicht in erinnerung
gehalten, kein teil des allgemeinen gedächtnisses zu sein?
Und in der gegenwart ist unser name immer für uns da,
steht er für alles, was uns nahe ist. Ist eine marke für
das werk, wenn wir berühmt sind und bekannt.
Sollen unsere namen fallen, müssen wir alle überholen,
dürfen wir nicht aufzuhalten sein.
Doch es gibt viele, vor uns, eingeschrieben in die bücher,
das gedächtnis. Ihre buchstaben überliefern uns, was
einmal war. Dennoch gelten die namen bis heute. Zeugen
des vergangenen tuns in kunst, philosophie, literatur; ihr
werk ist abgeschlossen.
Und sie gehören uns, die berühmten namen der toten.
Im anagramm werden name und person voneinander
getrennt und zu einem anderen begriff gefügt, der nur
ungefähr greift. Wir ersetzen ein teil des alten mit dem
material unserer namen. In der veränderten gestalt ist die
erste schwer zu erkennen.
Die bildung hilft dabei. Das vergangene wird so fortge-
tragen in unsere gegenwart. Wir schreiben andere um;
wir schreiben uns in die geschichte ein.
Der name gottes wird umschrieben mit der Höchste, der
Allmächtigste. Doch hinter diesen worten verbirgt sich
keiner. Gott ist fort, die kunst nur mehr auf seinen namen
bezogen.
Wir versetzen uns an die stelle des abwesenden.
Noch versteht man unter unseren namen nichts. Die
buchstaben von THOMAS JOCHER SABINE SCHOLL
zusammengenommen, bilden das material zur veränderung.
Die verunstaltung beginnt.
Wir interpretieren ohne umwege, was vor uns war
und schwindeln uns in die geschichte von kunst, philosophie,
literatur, und schlagen ihr löcher, fransen sie aus. Bleiben
dennoch unerkannt, geradezu bescheiden, denn um hinein-
zupassen, muss man uns beschneiden. Mehr oder weniger
sind wir unvollständig vorhanden in dieser verzerrung des
gewohnten.
Als JABLO MICASSO bleibt von THOMAS JOCHER
SABINE SCHOLL nur noch ein rest bestehen. Wir sind:
MAS JOC und SABI OL. Oder, als HARSOBE STEIN,
sind wir THOS ER und SABINE.
Man kann es auch umgekehrt sehen: Unsere namen ver-
schwinden in den anderen. Und damit stören wir die
toten auf. Ihre oberfläche, das was übriggeblieben ist
nach ihren körpern.
Die gerühmten namen dauern, eingraviert in marmor, ewig.
Das denkmal dient der erinnerung. Im tempel denkt man an
geliebte, gefallene und geehrte, große köpfe.
Doch die tapete an der tempelwand ist unbeständig,
wechselhaft. Sie geht vorbei. In stein gemeisseltes wird
abgelöst, ersetzt durch die kopie, das papier, einfaches
schwarz/weiss, ohne schatten, ohne hohl.
Wir gehen vorbei.
Die betrachter versuchen zu erkennen. Buchstaben wirken
als muster. Aus reihen von namen gebildet, zeichnen sie
das vergängliche auf.
Die tapete abgelöst, wandert weiter, in den müll. Die
namen der toten werden gelöscht in unserem namen.
Was bleibt?
Ein rest, die weisse wand.
Keine namen.